Am 9. November 1969 fand im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin um 11 Uhr morgens die Gedenkveranstaltung zur so genannten Kristallnacht statt. Es kamen 250 Gäste und 4 Polizisten. Eine halbe Stunde vor Beginn der Feier deponierte jemand im ersten Stock des Gebäudes ein Paket mit Plastiksprengstoff ohne Metallmantel. Die Bombe explodierte nicht, sondern wurde am Tag danach von einer Putzfrau entdeckt. Schon in der Nacht vor dem 9. November wurden in Berlin jüdische Gräber und Gedenktafeln geschändet und mit dem Spruch "Schalom, Napalm, El Fatah" beschmiert. Am Abend des 9. November kursierte im Republikanischen Club, einem Zentrum der ausfransenden Protestbewegung, ein Bekennerflugblatt mit dem Titel Schalom und Napalm und dem Kernsatz: "Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen." Unterzeichnet war das Flugblatt mit "Schwarze Ratten TW" (ein Kürzel für "Tupamaros West-Berlin").

Was war geschehen? Bislang war die Protestbewegung antifaschistisch und auf Wiedergutmachung für die Überlebenden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik ausgerichtet. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 kippte die Stimmung. Die israelischen Gebietseroberungen und die Politik gegenüber den Palästinensern gerieten in die Kritik. Entlang der vermeintlich klaren Grenze zwischen der legitimen Kritik am Antizionismus und dem barbarischen Antisemitismus bewegte sich die Debatte fortan am Abgrund. Die Gruppe um Dieter Kunzelmann, die im Sommer 1969 in Jordanien Schießübungen besucht hatte, ging jedoch nach ihrer Rückkehr im November einen Schritt weiter.

Die Stadtguerilla ist nicht dasselbe wie die Linke

Rudi Dutschke hatte bereits im September 1967 das Konzept der Stadtguerilla in die Debatte geworfen. Er machte aber zugleich und bis an sein Lebensende deutlich, dass damit nicht die Anwendung terroristischer Gewalt durch selbst ernannte Avantgarden gemeint wäre. Die Kunzelmann-Gruppe durchbrach dieses Tabu und plädierte am 15. September 1969 öffentlich für "Terror". Sie brach auch ein zweites Tabu: Im Namen eines diffusen Antizionismus und eines primitiven Freund-Feind-Schemas wurden jüdische Bürger und Einrichtungen zu Kollaborateuren des Imperialismus erklärt. Mit dem Aufruf Kunzelmanns, die deutschen Linken sollten ihren "Judenknacks" überwinden, gerieten die "Tupamaros West-Berlin" an den Rand der linken Szene und hatten "keine Hoffnung mehr, … Teile der linken Öffentlichkeit anzusprechen" (Kraushaar). Sie kompensierten die Isolation mit rabiatem Aktionismus und verübten zwischen dem 9. September und dem Jahresende 12 Anschläge in Berlin.

Eine wichtige Rolle spielte die staatliche Seite, die Ungereimtheit an Ungereimtheit reihte. Vor laufenden Kameras wurde die Bombe entschärft, ebenfalls fürs Publikum wurde ein Nachbau der Bombe gesprengt. So wie Terroristen auch auf den Effekt ihrer Taten spekulieren, zielte auch der Staat darauf, indem er die Bombe vor der Sprengung mit Sand verdämmte. Diese Inszenierungen "zündeten" ebenso wie die bodenlose Behauptung des Innensenators, die Täter kämen aus dem Republikanischen Club. Schließlich stellte sich heraus, dass die Bombe wie die Molotowcocktails bei Demonstrationen von Peter Urbach, Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, beschafft worden waren. Undurchsichtig ist die Rolle palästinensischer Gruppierungen.

Während die Fahndung nach den Novemberattentätern versandete, wurde Kunzelmann im Juli 1970 verhaftet und angeklagt, zusammen mit Annekatrin Bruhn auf dem Berliner Juristenball eine Bombe gelegt zu haben. Kunzelmann wurde zunächst zu 9 Jahren Gefängnis verurteilt, musste aber im Revisionsverfahren freigesprochen werden, weil Annekatrin Bruhn die einzige Zeugin war und Polizei und Staatsanwaltschaft sich obendrein in den Verdacht verstrickten, die damals drogensüchtige Zeugin manipuliert zu haben.

Was der Polizei aus unklaren Gründen nicht gelang, schaffte Wolfgang Kraushaar. Er machte den Mann ausfindig, der am 9. November die Bombe im jüdischen Gemeindehaus deponiert hatte. Der im Ausland lebende Albert Fichter wusste 1969 nicht einmal, um welchen Erinnerungstag es sich handelte, und versichert heute glaubwürdig, damals unter LSD-Einfluss gestanden zu haben. Er schildert das Gruppenleben der Kommunarden um Kunzelmann als "kaum noch politisch oder aktivistisch, vielmehr inhaltslos und parasitär", erinnert sich jedoch, dass öfter über "Scheißjuden geflucht" wurde. Heute bedauert er die Tat und bittet um Verzeihung.

Nach diesen Zeugenaussagen und anderen Belegen, die Kraushaar beibringt, gibt es keinen Zweifel, dass der Antisemitismus von Beginn an Bestandteil des hybriden und mörderischen Konzepts der Stadtguerilla war, wie es ein halbes Jahr später auch von der RAF propagiert wurde. Selbst Ulrike Meinhof erklärte die Morde an willkürlich selektierten israelischen Sportlern bei der Olympiade von 1972 schlicht als "gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch".