Wer ist Angela Merkel? Der Bonner Politologe Gerd Langguth hat versucht, das Geheimnis zu lüften. Es ist ein Teilerfolg geworden. Kein anderer Autor hat so viel Material gesichtet und so viele Zeitzeugen befragt. Entstanden ist eine eindrucksvolle Biografie – und ein gewagtes Exempel politischer Psychologie. Wenn man die vierhundert Seiten gelesen und die achthundert Anmerkungen studiert hat, kennt man alle möglichen Fakten und Gerüchte, und doch bleiben wichtige Fragen offen.

Angela Merkel, so eine Schlüsselthese, habe sich ihr Leben lang an ihrem übermächtigen Vater "abgearbeitet"; dieser leitete in Templin ein evangelisches Pastoralkolleg und war dem Sozialismus zugetan. Immer wieder kreisen Langguths Investigationen um die Frage, wie tief der Vater in den real existierenden Sozialismus verstrickt gewesen sei. Der Autor erklärt Merkels Grundpositionen, ihr Verständnis von Freiheit und Marktwirtschaft etwa oder ihre Nähe zu den USA, als Reflex auf dessen unklare Positionen und als Distanzierung zu ihrem Vater. Ihren "absoluten Willen zur Macht" deutet er als ständigen Versuch, sich ihrem Vater zu beweisen.

Während der Vater sich im Halbschatten der DDR bewegt, erscheint die Tochter als klug und vorsichtig, zwischen Anpassung und Aufmüpfigkeit, misstrauisch und immer auf der sicheren Seite – der Zukunft, Karriere und Kanzlerschaft zugewandt. Das ist die andere Fährte, auf die der Autor seine Leser lockt. War sie in der SED-Jugendorganisation nur Kulturbeauftragte oder zuständig für Agitation und Propaganda? Auch hier wieder finden sich mehr Spekulationen als Beweise, mehr Andeutungen als Fakten. Alles in allem wird Langguth dem privaten Leben in der DDR wohl weniger gerecht als ihrem politischen Leben nach der Wende.

Die Stärken des Buches liegen denn auch in dem Versuch, die politischen Konturen der Ministerin, Vorsitzenden und Kanzlerkandidatin zu fassen. Es sind die politischen Passagen im letzten Kapitel, die mit Blick in die Zukunft die Lektüre lohnen. Der Autor schwankt hin und her, ob er vor ihr warnen, sie bewundern oder sich nur einfach wundern soll. Ihre "politische Wurzellosigkeit" sei ihre Stärke und Gefahr. Sie verfüge über "den gefährlichen Mut zur Wahrheit" und über die "Fähigkeit, vertraute Systeme radikal in Frage zu stellen". Die Konturen der Person und das Panorama der Zeit hätten freilich noch stärker zusammengedacht und -gebracht werden können. Was heißt es, sie sei "heimatlos in ihrer eigenen Partei"? Spricht das gegen sie oder gegen die CDU? Wenn sich weder der katholisch-soziale noch der national-konservative Flügel repräsentiert sehen, kann das nicht auch daran liegen, dass diese nicht mehr viel zu sagen haben und die Zeit über beide hinweggegangen ist? Wenn Merkel mit "der alten bürgerlichen und westdeutschen CDU nur wenig anfangen kann", wie der Autor vermutet, und "sie eher als spießig empfindet", dann stellt sich die Frage, ob diese unwahrscheinliche Vorsitzende eine andere CDU repräsentiert oder die alte nur geschickt tarnt. Ist sie ein historischer Zufall oder die Antwort auf eine neue Zeit? So führt das Buch nahe an die Kernfragen einer möglichen Kanzlerschaft Merkels heran. Ob sie gemeinsam mit der FDP den alten Sozialstaat entsorgt oder eine neue Architektur des Sozialen aufbaut; ob sie mit Tony Blair dem Alten Europa den Rest gibt oder ihm neues Leben einhaucht; ob sie einen Aufbruch inszeniert oder den Status quo etwas anders moderiert, niemand kann es vorher genau wissen. Langguths Methode, aus privaten Fragen politische Antworten zu destillieren, hat ihre Grenzen. Die Stärke des Buches liegt in der Einladung an den Leser, auf die politischen Fragen, die es, politische Antworten zu suchen.