Sie waren lange Zeit der große Wurf der Schöpfung. Über 200000 Jahre herrschten sie in Europa und Asien, in einem Reich, so groß wie das römische Imperium auf der Höhe seiner Macht. Dann kam der moderne Mensch, und die Neandertaler fielen dem ersten Genozid der Geschichte zum Opfer. Gegen den Eindringling aus Afrika hatten Europas Ureinwohner keine Chance. Dezimiert durch Hunger und Kriegszüge, womöglich geschwächt durch eingeschleppte Seuchen, retteten sich versprengte Horden in entlegene Refugien beim heutigen Gibraltar. Dort verlieren sich ihre Spuren. Homo neanderthalensis hörte auf zu sein. Homo sapiens blieb der einzige Überlebende der Gattung Homo.

Knapp 30000 Jahre später, am Montag dieser Woche, sitzen drei Nachkommen der steinzeitlichen Invasoren in einem Leipziger Labor beisammen. Bei Kaffee und Plätzchen feilen Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA), sein Abteilungsleiter Michael Hofreiter und ihr amerikanischer Gast, der Genomforscher Edward "Eddie" Rubin, an einem kühnen Projekt: Der erschlagene Bruder aus der Steinzeit soll auferstehen. Gewissermaßen.

Im Verbund mit Rubins Expertengruppe am Lawrence Berkeley National Laboratory in Berkeley, Kalifornien, haben die Leipziger Max-Planck-Forscher damit begonnen, die Erbanlagen des Neandertalers zu sichten. Ihr Ziel ist die Rekonstruktion seines Genoms. Der aufwändige Forschungsfeldzug sei mehr als nur ein wissenschaftliches Muskelspiel, versichert Rubin. "Erstens: Wir werden eine Menge über den Neandertaler lernen. Zweitens: Wir werden eine Menge über die Einzigartigkeit des Menschen lernen. Und drittens: Es ist einfach cool."

Das kann man nicht bestreiten, denn noch vor wenigen Jahren wäre das Vorhaben zu Recht in das Reich zweitklassiger Hollywood-Szenarien verwiesen worden. Doch nun, seit Paläontologen, Informatiker und Molekulargenetiker ihre Kräfte in dem brandneuen Forschungsfeld der Paläogenomik bündeln, rücken die genetischen Baupläne längst ausgestorbener Kreaturen in Griffweite der Forscher. Zwar bleibt die Auferstehung von Dinosauriern wie im Film Jurassic Park vorerst Science-Fiction. "Das ist derzeit nicht realistisch", sagt der Berliner Genomforscher Hans Lehrach. Theoretisch aber sei nun die Neuerschaffung ausgestorbener Kreaturen immerhin vorstellbar, meint der Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik.

Vor allem rasante Fortschritte der Bioinformatiker und die neueste Generation computergestützter Analyseautomaten in den Genlabors ermöglichen den Forschern jetzt Zeitreisen in die evolutionäre Vergangenheit. Seither hoffen sie, die Entwicklung des Lebens bis zu seinen molekularen Bausteinen, ihrer Abfolge in den DNA-Sequenzen der Erbmoleküle rekonstruieren zu können. Endlich würden harte Fakten über das Wirken der Schöpfung geschaffen, sagt Lehrach.

Das Lob gilt nicht allein Pääbos Paläotruppe. Auch jenseits des Atlantiks, in Webb Millers Computerlaboren, rechnen Programme weit zurück in die Vergangenheit des Lebens. Bei 125 Millionen Jahren vor unserer Zeit sollen die Rechner an der Penn State University stehen bleiben und ein gleichsam biblisches Wunder vollziehen, versichern der Bioinformatiker Miller und seine Mitstreiter David Haussler und Mathieu Blanchette. Auch sie wollen eine Auferstehung ins Werk setzen. Noch dieses Jahr soll in ihren Datenbanken Eomalia scansoria zu virtuellem Leben erwachen – eine Kreatur aus der Kreidezeit.

Damals, vor 125 Millionen Jahren, war das Erdklima feucht und warm. In den subtropischen Wäldern herrschten die Dinosaurier, erste Blütenpflanzen entstanden. Und in den Bäumen lebte Eomalia. "Das waren kleine, kaum zehn Zentimeter lange pelzige Tierchen", sagt der Paläontologe Thomas Martin vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main. Mit ihren spitzen Zähnen fingen sie Insekten. Und doch war der unscheinbare Käferfresser ein besonderes Tier. " Eomalia ist das älteste bekannte Fossil eines plazentalen Säugers", sagt der Mammalia-Experte Martin. Es ist das erste echte Säugetier der Erdgeschichte.