Die Gischt explodiert, die Welle schießt auf und das Surfboard hinab. Auf der Tonspur hallt sakraler Orgelklang, dann Hardcore-Gitarren-Gebretter: Erhaben ist die Welle, cool ist die Welle. So schön ist sie, dass es kaum zu ertragen ist, so aggressiv, dass man ihr nur voller Kraft beikommen kann. Riding Giants heißt der Film, der so beginnt - und auch so weitergeht. Es ist ein Dokumentarfilm über das Surfen, das Giganten-Reiten, über den Wellenrausch und das Dauerrisiko als Lebensgefühl. Wie ein Stückchen Wäsche in der Waschmaschine komme er sich vor, wenn er ins Gedonner der Gischt rase, erzählt ein Surfer. Im tobenden Meer sei er sich selbst so nah wie sonst nie, sagt ein anderer. Regisseur Stacy Peralta jagt diesem Lebensgefühl so unermüdlich nach wie die Surfer der nächsten Herausforderung - irgendwo zwischen Schleudergang und Selbstfindungstrip. Sein Film selbst ist dabei so redundant wie das ewige Rollen der Brandung vor den Küsten Kaliforniens und Hawaiis. Die Kamera kann sich einfach nicht satt sehen an riesigen Wasserwänden und sich überschlagenden Surfern. Der Zuschauer kann es auch nicht - selbst wenn er noch nie auf einem Surfbrett stand -, und natürlich ließe sich daran viel kritisieren: dass Peralta, statt eine eigene Dramaturgie zu entwickeln, der Selbstüberbietungslogik der Surfer folgt, eine immer noch größere, gefährlichere Welle zu bezwingen. Dass er es versäumt, mehr über das kulturelle Beiwerk zu erzählen - über die Surfmusik der fünfziger und sechziger Jahre etwa, wie sie zuletzt der Soundtrack zu Pulp Fiction populär gemacht hat. Dass er nicht darüber reflektiert, wie das Surfen, einst Ausdruck einer hippiesken Verweigerungshaltung gegenüber den Werten der spießigen Fünfziger-Jahre-Gesellschaft, allmählich zum Geschäft für Profisportler und zum Massenvergnügen wurde. Das alles wird nur angedeutet und verschwindet rasch unter dem Krachen des nächsten 12 Meter, 15 Meter, 18 Meter hohen Brechers. Auch die jahrhundertealte Geschichte des Surfens auf Hawaii handelt der Film in wenigen Minuten ab, um mehr Zeit für die immergleichen Erinnerungen hawaiihemdtragender Surfveteranen und Big-Wave-Reiter zu haben. An deren Begeisterung perlt freilich jede Reflektion ab wie Salzwasser an einem Neoprenanzug. Letztlich aber hört man ihnen genau deshalb so gerne zu: weil sie mit solcher Selbstverständlichkeit und solchem Enthusiasmus tun, was sie tun, dass man gar nicht mehr zu fragen braucht, was das eigentlich soll. Es bleibt ohnehin keine Zeit zum Nachdenken. There's no way to turn back, sagt einer der Surfer. Rein in die Welle, ran an die Grenzen rauschhafter Selbstzerstörung. Der Film selbst macht da keine Ausnahme. Dass er so manches Mal in seinen eigenen Superlativen abzusaufen droht, ist nur konsequent: Dieses Risiko muss man eingehen, wenn man es ernst meint.