Philippe Jaccottet, 1925 im schweizerischen Moran geboren, ist bekannt für so genannte Carnets oder Cahiers, Sammlungen von Einfällen, tagebuchähnlichen Eintragungen und essayistischen Aufzeichnungen, die er zum Beispiel über Pflanzen am Wegesrand notierte, über einen blühenden Quittenbaum, eine Wiese, einen Kreuzdorn und eine Bärwurz.

Jetzt hat er ein feines, schmales Bändchen über das Werk des Malers Giorgio Morandi geschrieben, dessen Bilder Kunsthistoriker in die Nähe der Pittura metafisica rücken. Morandi (1890 bis 1964) fristete sein Leben in Bologna. Von seiner langsam wachsenden Bekanntheit wollte er nichts wissen, Preise nahm er nicht an, seine Ausstellungen besuchte er so gut wie nie. Er arbeitete als Lehrer für Radierung an der Akademie von Bologna, schätzte das Handwerk, rieb für seine Bilder die Farben selber und präparierte auch die Leinwände. Seine berühmten Stillleben baute er aus ärmlichen Dingen auf, die er über lange Zeiträume hin und her schob, gern auch mit Farbe anstrich.

Doch das sind Informationen, die Philippe Jaccottet seinem Leser nicht gibt. Ihn interessiert auch nicht, wie Morandi seine magischen Bilder konstruierte, wie er Spannungsverhältnisse aufbaute und welche Farben er wählte. Ihn beschäftigt nur die Wirkung der "ewig gleichen drei oder vier Flaschen" – lächerliche Dinge, gemessen an der "Erschütterung", die sie in dem Poeten auslösen.

Wie ein Einrichter, der für ein Möbel in einem bestimmten Raum den richtigen Stoff haben möchte, oder wie ein Komponist, der einen Text zu einer Melodie sucht, probiert Jaccottet seine liebsten Dichter an den Werken des Malers aus. Band für Band holt er aus den Regalen, legt Rilke, Hölderlin, Pascal und Giacomo Leopardi neben die stummen Bilder von Landschaften und bleichen Blumen. Er testet Platos Höhlengleichnis, Dantes Fegefeuer und Himmelfahrt. Er nennt die gemalten Gegenstände erhöht und entsühnt, spricht ihnen Adel, Eleganz, Höhe zu – und schimpft sich wenig später einen "gewaltigen Einfaltspinsel".

Von Je höher er auf seiner Bibliotheksleiter steigt, desto intensiver leuchtet das Licht aus Morandis Stillleben, den "ständigen Vasen, Kannen, Flaschen", desto stärker fühlt sich Jaccottet wie ein Pilger auf der Reise hin zu einem "Frieden ohne Ende". Sein "Morandi" ist das "an die Grenze zum Gemurmel" getriebene Selbstgespräch eines Sinnsuchers, der sich die Welt nicht schlecht machen lässt, der nicht zugibt, dass das "Band zwischen dem Schönen, Guten und Wahren" zerrissen ist, solange er den Quittenbaum sieht, den Grashalm oder eine Teekanne mit Tasse von Morandi, intensiv wie "ein Tischsegen". Seelenverwandte werden das Bändchen gern lesen. Elke von Radziewsky