Die heiße Phase dieses Wahlkampfes beginnt für die Abgeordnete Bätzing in einem gut gekühlten Mercedes. Es ist Montag, der 27. Juni, 10.40 Uhr. Draußen staubt der Sommer, das Volk umkreist den Reichstag in kurzen Hosen und Sandalen, der Wagen beschleunigt, das Kanzleramt zieht vorbei, das Brandenburger Tor, und auf dem Beifahrersitz geht Sabine Bätzing noch einmal ihre Post durch. Die SPD hat sie gerufen. Ihre Partei braucht "Kandidatenmaterial", dringend, in einem Brief an alle Abgeordneten hat der Vorstand gewarnt, "kein Pepita, kein kleines Karo". Die politische Situation ist unübersichtlich genug.

Es ist die letzte Sitzungswoche des Deutschen Bundestages vor der Sommerpause, die letzte wohl auch in dieser Legislaturperiode und womöglich die letzte überhaupt für Sabine Bätzing, 30 Jahre alt, verheiratet, Hundehalterin, Jazz-Tänzerin, Mitglied der SPD seit 1994, Mitglied des Bundestages seit 2002, eine Hinterbänklerin, eine Frau Irgendwer des deutschen Parlamentarismus, keine Heidemarie Wieczorek-Zeul, keine Ulla Schmidt, noch nicht mal eine Sigrid Skarpelis-Sperk, einfach eine von 601 deutschen Parlamentariern, vor drei Jahren direkt gewählt im Wahlkreis 200, Neuwied, Rheinland-Pfalz, mit 44,9 zu 44,3 Prozent.

Doch was sind diese 0,6 Prozentpunkte von damals jetzt noch wert? Was zählen 1154 Stimmen Vorsprung vor dem Kandidaten der CDU bei 4,7 Millionen Arbeitslosen, Globalisierungsangst, Krisenstimmung, Neuwahlfieber? Die Abgeordnete Bätzing ist in die Verwirbelungen der politischen Großwetterlage geraten, vielleicht sitzt sie bald wieder als Diplomverwaltungswirtin im Westerwald, an ihrem Schreibtisch in der Verbandsgemeindeverwaltung Altenkirchen. Wer weiß? Wie soll sie Prognosen wagen? Sie ahnt am Anfang dieser Woche ja noch nicht einmal, was am Ende dieser Woche sein wird. Soll sie dem Kanzler ihr Vertrauen schenken oder nicht? Könnte am Freitag gar Franz Müntefering die Republik regieren?

An diesem Morgen des 27. Juni ist das alles noch Zukunft. Der schwarze Mercedes gleitet durch das Dickicht der Aufgeregtheiten, aus den Lautsprechern perlt Pianojazz, der Chauffeur schweigt, die Abgeordnete schweigt, ihre Büroleiterin schweigt, die Klimaanlage rauscht. Hoch und weiß kommt das Willy-Brandt-Haus in Sicht, Sabine Bätzing steigt aus, mit einer Dose Haarspray in der Handtasche und vier Jacketts im Arm. In der SPD-Zentrale sind vier Fotostudios aufgebaut, in Akkordarbeit werden alle Abgeordneten fotografiert, eben war Hans Eichel da, drei Stockwerke weiter oben bekommt Franz Müntefering seine Bilder vorgelegt. Die Herren tragen helle Anzüge, es wird ein Sommerwahlkampf. In der Maske breitet die Abgeordnete Bätzing ihre Jacketts aus, schwarz, blau, grün, rot, an zweien baumeln noch die Etiketten. Alles könnte von Bedeutung sein, Schwarz wäre Seriosität, Blau, Grün, Rot eher Frische, "ich muss auffallen an den Laternenmasten", sagt sie. Der Fotograf rät zu Blau, die Visagistin überschminkt noch einen Mückenstich, dann bringt sich die Abgeordnete Bätzing auf einem Hocker in Positur, in amerikanischer Oval-Office-Korrektheit setzt sie ein Lächeln auf. Eine weiße Plastikklammer hält ihren Blazer am Rücken zusammen, die Kandidatin wird sehr tailliert in den Wahlkampf ziehen. Vor ihr steht der Fotograf im Ausfallschritt.

"Geben Sie mir mehr linke Schulter!", ruft er. Die Abgeordnete Bätzing gibt mehr linke Schulter.

"Jetzt mal nur in den Augen lächeln!", ruft er. Die Abgeordnete Bätzing lächelt mal nur in den Augen.

"Geben Sie mir mehr Zuversicht!", ruft er. Die Abgeordnete Bätzing gibt mehr Zuversicht.

Es blitzt, es blitzt, es blitzt, 104-mal Zuversicht, 104-mal Kandidatenmaterial, die Fotos 61 und 85 kommen in die engere Auswahl, Sabine Bätzing sinkt wieder ins Auto und verschwindet im kaffeegetränkten Alltag einer ganz normalen deutschen Abgeordneten. Sie wird in dieser Woche 80 Stunden arbeiten, Briefe lesen und beantworten, Bürgermeister anrufen und sich anrufen lassen, mit dem Fraktionsvorstand tagen, im Rechts- und im Familienausschuss sitzen, den Genossen Hoffmann und Dörrmann zum Geburtstag gratulieren, für einen Tag zur Nominierungskonferenz in ihren Wahlkreis fliegen, am nächsten Morgen um 7.45 Uhr wieder in Berlin sein, eine Delegation aus Thailand empfangen, eine Besuchergruppe aus ihrem Wahlkreis begrüßen, Pressemitteilungen herausgeben und zwischendurch ins Plenum eilen, um Gesetze zu verabschieden, dem Kanzler zu applaudieren, die Opposition auszulachen. Geschichte zu machen.