In Deutschland, denken die Deutschen, gehe alles mit rechten Dingen zu. Der Staat ist sauber, seine Diener sind ehrlich und der Wettbewerb fair. Es gibt keine Korruption, und wenn, dann ist es die Ausnahme und nicht die Regel. Einzelfälle und kein System. Wir brauchen solche Glaubenssätze, denn sie bewahren uns vor schlaflosen Tagen. Sie schützen unser Vertrauen auf Transparenz und Demokratie.

Zwei Fälle stellen diesen Glauben derzeit auf eine harte Probe. In Braunschweig prüft die Staatsanwaltschaft, ob Mitarbeiter von Volkswagen ein weltweites Geflecht von Tarnfirmen entwickelt haben, sozusagen ein globales Schattenreich aus Korruption und Begünstigung. Die SZ hat Hinweise darauf, der VW-Vorstand habe sich das Wohlwollen einzelner Betriebsräte durch das Bezahlen von Lustreisen erkauft. Im Treibhaus der Spekulation wuchert zu Recht der Verdacht, in der VW-Dynastie sei alles mit allem verschweißt, verklebt und versiegelt - die Kontrolleure und die Kontrollierten.

Ausgerechnet im Volkswagen-Konzern, der in der Autostadt Wolfsburg mit irrwitzigem Aufwand ein gläsernes Weltbild inszeniert: ein himmlisches Gesamtkunstwerk, in dem alle irdischen Gegensätze aufgehoben scheinen - der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, Wirtschaft und Politik, Leben und Konsum. Wie falsch - und doch: Wie wahr?

Der zweite Fall betrifft die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, laut Selbstanspruch ein Hort von Unabhängigkeit und demokratischer Kontrolle. In diesen Tagen ist der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, auf freier Wildbahn verhaftet worden. Wer in seinen gebührenfinanzierten Sendungen vorkommen wollte, hat angeblich gleich zweimal zahlen müssen, einmal an den Sender und zusätzlich an eine Vermarktungsagentur, die von der eigenen Ehefrau betrieben wurde. Diese Produktionskostenerstattung, behauptet die ARD, sei ein Einzelfall und kein System. Kaum war der Satz gesendet, ermittelte der Leipziger Staatsanwalt gegen den Sportchef des MDR, Wilfried Mohren, wegen Bestechlichkeit.

Gibt es in Deutschland keine Korruption? Es gibt die Schmierenkomödien bei den Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem ungelüfteten Sumpf aus Marketing-, Berater- und Sponsorenverträgen. Es gab den Fall Holger Pfahls, den Kölner Klüngel, den Skandal um das Münchner Fußballstadion, die privaten Mallorca-Geschäfte bei DaimlerChrysler, die Mannesmann-Affäre und den Beratervertrag von Helmut Kohl mit Leo Kirch. Es gibt immer noch das Büfett der Gefälligkeiten bei den Lobby-Arbeitern im Bundestag, die schwarzen Kassen der Parteien und die verheimlichten Parteispenden.

Alles harmlos, alles Einzelfälle? Tatsächlich aber enden Mitbestimmung und Kontrolle in den korrumpierten und korporatistischen Geflechten von Wirtschaft und Gesellschaft. Volkswagen beschäftigte sogar eigene Parlamentarier und machte den Niedersächsischen Landtag zur Pappkulisse. Wie sprach noch die Kandidatin Angela Merkel: Vertrauen ist das Schmiermittel der Demokratie. Großes Gejohle im Parlament.