Gerhard Schröder bleibt Kanzler. Egal, was noch kommt. Unvermeidlich, dass überall das Wort Abschied mitschwingt, wo er auch auftritt, in Schottland beim Weltwirtschaftsgipfel, in Kaliningrad bei Wladimir Putin, oder wenn er an Franz Münteferings Seite das Wahlmanifest verteidigt gegen den Verdacht, es sei ein Oppositionsprogramm. Wirklich verblüffend aber ist, wie sehr er sich einer Rolle verweigert und einfach Kanzler - ist.

Er werde einen Wahlkampf hinlegen, den es noch nicht gegeben hat, und er sei bereit, sich richtig zu quälen, wird Schröder zitiert. Was es noch nicht gegeben hat, sind ja vor allem die Umstände, unter denen diese Wahlen vermutlich stattfinden. Schon im Parlament war es ihm geglückt, bei der Begründung der Vertrauensfrage exakt die richtige Tonlage zu halten. Dass er es in der gegebenen Situation als seine Pflicht ansehe, die Vertrauensfrage zu stellen, so Schröder schnörkellos gleich zu Beginn, und dieser Antrag habe ein einziges, ganz unmissverständliches Ziel: Ich möchte dem Herrn Bundespräsidenten die Auflösung des 15. Deutschen Bundestages und die Anordnung von Neuwahlen vorschlagen können.

Ihre volle Souveränität bezog diese Rede, an der zuerst viele herumbastelten, der Schröder dann aber ganz seinen Ton und seine Handschrift zu geben vermochte, aus einem einzigen Grund: Sie setzte einen merkwürdigen Kontrapunkt zu dem Bild von Schröder The Gambler, wie das Time Magazine noch jüngst titelte. Hier war er alles andere als Spieler, und es war auch nicht aufgesetzt. Kern dieser Botschaft zum Abschied war, dass es ein Durchregieren in dieser Republik nicht gibt. Über Ohnmacht und strukturelle Begrenzungen hat Schröder öffentlich nie gern gesprochen. Erlebt hat man im Parlament dafür vermutlich den ehrlichsten Moment der Politik seit langem.

Dahinter aber, das dürfte klar sein, führt kein Weg, keine Wahlinszenierung zurück. Auch das Wahlmanifest, das Franz Müntefering und Schröder erläuterten, nimmt den Mund nicht voll: Es korrigiert ein wenig an sozialdemokratischen Gemütsstellen, es feuert auch ein paar Symbol-Raketen ab gegen die Superreichen, und viel ist von Kinderbetreuung die Rede, die bekanntlich teuer ist. Was man dem Manifest aber nicht vorwerfen kann, ist, dass es suggeriert, als sei es nur ein Spuk, dass ein sozialdemokratischer Kanzler vorzeitige Neuwahlen sucht. Keine Sekunde hat Schröder den Eindruck erweckt, mit einer neuen Legitimation per Wahl würden die strukturellen Barrieren beiseite geräumt und der Staat wäre stark, reich und handlungsfähig. Schröder setzt die Republik auch nicht auf die Anklagebank, so wenig, wie er sich eine formierte Gesellschaft wünscht, die man per Ruck modernisieren kann. Er sagt nur ohne Tremolo: Wenn man über 60 ist, hat man alles gesehen.

Was aber die neue Linkspartei angeht - die Sozialdemokraten können den Zuspruch zu ihr nicht wirklich beeinflussen. Zu einer Politik, die ehrlich über ihre Begrenzungen spricht, verkörpert das Paar an der Spitze, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, unleugbar das Gegenprogramm. Das Bild, das ausgerechnet Lafontaine vom großen Egomanen Schröder zeichnet, hat dieser im Parlament lapidar widerlegt. Und zwar definitiv. Mit dieser Linkspartei werde er nie regieren, legt Schröder sich fest, und das hat so besehen auch seine Logik. Was sollte er einem Exvorsitzenden seiner Partei, der ungeniert diesen Weg geht, sonst auch entgegnen? Im Moment folgt Schröder mit stupender Konsequenz offenbar nur der eigenen Stimme: Die rät ihm, einfach Kanzler zu bleiben, was er sieben Jahre lang war. Er will sich nicht selber verraten.