Meine Tochter ist noch keine fünf Monate alt. Aber sie ist schon sehr charmant. Vor allem kann sie so schön zahnlos lächeln, dass jeder und alles schmilzt. Sie verschenkt ihr Lächeln, wie es ihr gefällt, und missachtet dabei alle Konventionen. Lange hat sie niemanden so bezaubernd angestrahlt wie ihren gelben Spieluhr-Tintenfisch aus Amerika. Da kann man als Vater schon mal eifersüchtig werden. Allerdings habe ich den mittlerweile aus dem Felde geschlagen - wenn ich auch nicht immer weiß, ob ich es selbst war oder doch meine Kleidung. Jedenfalls ist sie auch in der Lage, meine grell-gelb-blaue Badehose anzulächeln - selbst wenn ich nicht drinstecke. Nun habe ich aber einen neuen Konkurrenten, den Dalai Lama. Und das kam so.

Vorigen Sonntag war meine Tochter mit ihren Eltern in der Kirche, in der sie getauft werden soll. Das imposante Bauwerk konnte die Kleine nicht beeindrucken, wohl aber das Bild eines über beide Ohren lachenden tibetanischen Geistlichen an der Wand - an so viel Ökumene kann man schon sehen, sie wird Protestantin. Kaum sah sie es, schenkte sie dem gerahmten Foto ihr verbindlichstes und freundlichstes Lächeln. Und zwar nicht mal eben so, das kann sie übrigens auch, sondern von tief innen. Minutenlang flirtete sie mit dem Kerl. Mal sehen, wie ich damit umgehe.