Die Fotos zeigen einen ernst blickenden Mann, schon in jungen Jahren ist das so und ändert sich nicht. Man fragt sich unwillkürlich, ob er jemals schallend gelacht oder auch nur still vergnügt gelächelt hat. Zu angestrengt wirkt die Aura, die diesen in sich gekehrten Mann umgibt; ein Geistesmensch, der sich in genialen Gedankengebäuden verirrt und darüber die Leichtigkeit des Seins verliert. Und so nahmen ihn wohl auch manche Zeitgenossen wahr, als eine "hagere, zugeknöpfte Erscheinung mit flackernden schwarzen Augen und hohlwangigem Gesicht, gleichsam alles Schwarz in Schwarz in der merkwürdigen Mischung von Magistertum und Dämonie." Offensichtlich muss er sich selber auch in manchen Lebensphasen als Außenseiter empfunden haben. In seiner Autobiografie, die das Private überwiegend ausspart, findet sich etwa der Satz: "Hier in Weimar, der Stadt der klassischen Mumien, stehe ich allem Leben und Treiben fremd gegenüber." Vermutlich hatte sein einzelgängerisches Wesen mit seiner Herkunft zu tun. Anders als die meisten Denker und Theoretiker seiner Zeit stammte er aus ärmlichen Verhältnissen. Da sein Vater bei der Eisenbahn angestellt war und immer wieder an neue Dienststellen versetzt wurde, musste die Familie alle paar Jahre umziehen, zudem war der Vater kaum zu Hause. Von einer angeblich schweigsamen Mutter, der kleinen Schwester und dem taubstummen Bruder umgeben, flüchtet der Junge in die Welt der Bücher.

Hier findet er die Anregungen, die im Alltag fehlen. Zum Glück erkennen die Eltern aber früh die Begabung des Jungen und ermöglichen ihm das Abitur. Dank eines Stipendiums der Eisenbahngesellschaft kann er sogar studieren: Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie, Literatur, Geschichte. Ihn leitet das Ideal des Universalgelehrten, später befasst er sich noch mit Architektur, Sozialpolitik und Weltreligionen. Dass er zunächst in Philosophie promoviert, gerät angesichts seines schier grenzenlosen Lese- und auch Schreibpensums daher fast zur biografischen Randnotiz.

Mit Mitte dreißig beendet er einen großen Forschungsauftrag; nun stellt sich ihm die Frage, wie er künftig den Lebensunterhalt bestreiten kann. Eine Zeit lang hält er sich als Herausgeber von Zeitschriften über Wasser. Parallel beginnt er, Vorträge zu halten. Diese Tätigkeit führt ihn in der zweiten Hälfte seines Lebens quer durch Europa, zehrt aber auch an seinen Kräften. Vielleicht mag es verblüffen angesichts der Fotos, auf denen er so ernst wirkt – im direkten menschlichen Kontakt muss er tatsächlich ganz anders, charismatisch, freundlich und offen gewirkt haben. Bald spricht er vor gefüllten Sälen. Privates und Beruf gehen bei ihm Hand in Hand; angesichts der Fülle nachgelassener Schriften drängt sich allerdings die Frage auf, wann er sich je Pausen gönnte und ob er nicht gar Workaholic war.

Seine zweite Frau, die er mit Anfang vierzig trifft, wird seine treueste Mitarbeiterin. Sie unterstützt ihn selbstlos, bringt Ideen und praktische Tatkraft in das gemeinsame Lebenswerk mit ein. So sorgt sie dafür, dass seine Vorträge mitstenografiert werden, als er es selber aus Zeitgründen nicht mehr schafft, sie schriftlich zu fixieren. Und wenn er schreibt, schottet sie ihn ab vor all den vielen Menschen, die mit ihren unterschiedlichsten Anliegen jetzt immer öfter auf ihn zukommen.

Gleichwohl hat er vermutlich kaum noch eine ruhige Minute, zumal ihn die weltpolitische Krisenlage stark beunruhigt. Ihm selbst ist dogmatisches Denken anscheinend fremd, über Jahrzehnte versucht er, östliche und westliche Glaubenssätze zur Synthese zu bringen. Er hält Kontakt zu allen Seiten, was ihn bis heute zur umstrittenen Figur macht.

Wer war’s?

Frauke Döhring