Noch ist unklar, ob nicht eine Schicht tiefer weitere menschliche Überreste liegen. "Es ist ein Sekundärgrab", sagt Murat Hurtić, "die Täter haben die Leichen aus dem Primärgrab herausgeholt, um die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen." Der ehemalige Lehrer, der die Ausgrabungen in ganz Ostbosnien leitet, ist seit neun Jahren schon mit dieser grauenhaften Arbeit beschäftigt. Und noch immer werden neue Massengräber gefunden. Schon 6.500 Opfer hat Hurtić ausgraben lassen. Wie hält man das aus? Kann man da noch ein normales Leben führen? Abends nach getaner Arbeit ein Bier trinken? "Sie haben meinen Bruder ermordet", gibt der Ausgrabungsleiter zur Antwort. Mehr sagt er nicht.

Wie in den meisten "Sekundärgräbern" wurden auch in Lipje keine intakten Skelette gefunden. Die exhumierten Leichen wurden seinerzeit aus Lastwagen gekippt und von Raupenfahrzeugen zerquetscht. Die Zuordnung der Knochen ist schwierig. Über 67.000 Verwandte von im Bosnienkrieg (1992 bis 1995) verschollenen Personen haben sich Blutproben entnehmen lassen. Nur vergleichende DNA-Analysen ermöglichen die Identifizierung der Opfer. Es ist ein langwieriges und teures Verfahren. Doch nur wer identifiziert ist, wird beerdigt. Über 5.500 mit Knochen gefüllte Leichensäcke lagern noch in Kühlhallen im nordbosnischen Tuzla.

Abdulah Purković, 57, erinnert sich gut, wie der Krieg in Srebrenica begann, das damals zu drei Vierteln von Muslimen und einem Viertel von Serben bevölkert wurde. Am oberen Ortsausgang der Stadt führt er heute ein Restaurant. Seine Brennnessel-Pilzsuppe schmeckt vorzüglich. Die traditionellen Burek, Blätterteigtaschen, füllt er mit Löwenzahn und wildem Spinat. Er weiß, wo er die Zutaten findet. Einen Monat lang hat er mit Tausenden Muslimen im Wald gelebt, nachdem die "Tiger", serbische Paramilitärs, am 17. April 1992 Srebrenica mit schwerer Artillerie angegriffen, Häuser gebrandschatzt und geplündert hatten. Kurz darauf eroberten muslimische Verbände unter dem Kommando von Naser Orić, einem ehemaligen Leibwächter Miloševićs, die Stadt zurück. Sie brannten mehrere serbische Dörfer der Umgebung nieder, an die hundert Serben starben dabei. Danach verließen fast alle Serben Srebrenica.

Und dann war es, als öffnete sich die Hölle. Drei Jahre lang wurde Srebrenica von Mladićs Soldaten belagert und mit Granaten beschossen. In der eingekesselten Stadt, die vor dem Krieg 6.000 Einwohner zählte, lebten auch noch 40.000 muslimische Flüchtlinge, die aus anderen Städten Ostbosniens vertrieben worden waren. "Es gab nichts mehr zu essen", erinnert sich Purkovic, "ein Kilo Salz kostete 50 Mark, eine Schachtel Zigaretten 100." Anfangs wurde der Preis noch in der alten deutschen Währung festgelegt, schließlich aber wurde das Salz zur Maßeinheit aller Geschäfte.

In den Straßen lagen Hunderte von Verletzten, Verbandsmaterial war nicht mehr aufzutreiben. "Wir betäubten die Verwundeten mit Schnaps", berichtet Purković, der den Ärzten geholfen hat und nicht nur wilden Spinat, Löwenzahn und Brennnessel, sondern auch Heilkräuter kannte. "Einigen Schwerverletzten amputierten wir Glieder mit einer Metzgersäge." Mehrere der Eingeschlossenen waren schon vor Hunger gestorben, als nach zehn Monaten Belagerung im März 1993 endlich ein UN-Konvoi mit Hilfsgütern in der Enklave eintraf. Kaum waren die Lebensmittel entladen, stürmten Tausende von Frauen und Kindern die Lastwagen, um der belagerten Stadt zu entkommen. Sechs Menschen wurden bei der Evakuierung von 5.000 Personen in völlig überladenen Fahrzeugen zu Tode gequetscht.

Begic, der Tanzlehrer, hat eine Kladde mit traditionellen Tänzen gerettet

Die Lage war so alarmierend, dass die UN im April 1993 die erste Schutzzone ihrer Geschichte einrichteten. Zunächst kamen kanadische, später holländische Blauhelme nach Srebrenica. 750 leicht bewaffnete UN-Soldaten sollten die muslimischen Verteidiger entwaffnen und die weit überlegeneren serbischen Aggressoren abschrecken. Beides misslang. Die Muslime gaben zwar ihre wenigen schweren Waffen ab, im Vertrauen, von den Blauhelmen geschützt zu werden. Die leichten aber behielten sie vorsichtshalber zurück.