Ein schwarzes Kostüm mit burgunderroten Tressen, zwischen den ausgestreckten Händen ein feuerrotes Tuch: Ahmo Begić dirigiert einen Kolo. Sechs in Tracht gekleidete Mädchen führen den traditionellen serbischen Reigentanz auf. An den Tischen im gefüllten Saal wird Bier und Wein getrunken und Sliwowitz, serbischer Pflaumenschnaps. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Ort der Aufführung: ein heruntergekommenes Hotel in Srebrenica, einem Städtchen, das bis vor zehn Jahren kaum jemand kannte. Doch in Srebrenica wurde furchtbare Weltgeschichte geschrieben. Bosnische Serben erschossen hier 8.000 bosnische Muslime. Es war das schlimmste Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. "Mögen die Tränen der Mütter zum Gebet werden, damit Srebrenica nie wieder geschieht, niemandem und nirgendwo", steht auf einem Gedenkstein am großen Friedhof im nahen Potocari, wo die Opfer begraben sind.

Zehn Jahre ist es nun her. Am 11. Juli 1995 überrannten die Serben unter dem Kommando von General Ratko Mladić die UN-Schutzzone Srebrenica, eine Enklave im Osten Bosniens. Etwa 25.000 Muslime flüchteten sich ins sechs Kilometer entfernte Potocari. Dort hatten die holländischen Blauhelme ihr Hauptquartier. Unter ihren Augen wurden die wehrfähigen Männer - und als solche galten selbst Greise - selektiert (siehe Bericht: Abwiegeln in Den Haag ). Die Frauen und Kinder wurden in Busse verfrachtet und ins Niemandsland zwischen den Fronten gefahren. Von dort gingen sie zu Fuß ins Gebiet, das unter Kontrolle der bosnischen Regierung stand, und waren gerettet. Die Männer aber wurden abgeführt und erschossen. Genauso wie jene, die sich durch die Wälder aufgemacht hatten und auf der Flucht den bosnisch-serbischen Soldaten in die Hände fielen.

Wo früher schicke Boutiquen lockten, gähnen heute schäbige Läden

Vor dem Krieg auf dem Balkan galt Srebrenica als viertreichste Stadt Bosniens. Schon vor 2.000 Jahren hatten die Römer hier Silber abgebaut; sie nannten die Stadt Argentaria. Zu kommunistischen Zeiten wurde vor allem Blei und Zink gewonnen, Silber (Serbokroatisch: srebro) war zweitrangig geworden. Die Minen wie das in der ganzen Region bekannte Kurbad hatten der Bevölkerung zu einem beachtlichen Wohlstand verholfen. Die meisten Familien konnten sich Videorekorder und Kleinwagen - Marke Yugo - leisten. Und viele Arbeiter, die in den Bergwerken oberhalb der Stadt oder in der Batterie- und Bremsenfabrik unten im Tal ihr Auskommen fanden, besaßen sogar ein Ferienhäuschen.

Heute ist in der 21.000 Einwohner zählenden Stadt das Elend mit Händen zu fassen. Alte Frauen stricken vor zerschossenen Hausfassaden. Männer sitzen auf dem Bordstein an der Straße, als ob sie darauf warteten, dass hier endlich einmal etwas passiert. In einer Hausnische wird über der Glut ein Lamm gebraten. Die Leute hacken Holz. Man sorgt für die kalten Tage vor. Vom Supermarkt ist nur die Inschrift geblieben. Wo früher schmucke Boutiquen Kunden anlockten, gähnen heute schäbige Läden. Es gibt buchstäblich nichts Schönes im Ort, kein Platz, der zum Verweilen einlädt. In Srebrenica leben nur Verlierer. Die einen haben bloß ihre Arbeit und ihre Häuser verloren, die andern auch noch ihre Männer und Söhne.

Zum Ort des Grauens führt am Ende ein verschlungener Feldweg. Seit Wochen schon graben auf einem Acker bei Lipje, 50 Kilometer von Srebrenica entfernt, eine kanadische Anthropologin und eine norwegische Archäologin Knochen, alte Schuhe und verrottete Kleider aus. Schädelfragmente, Schulterblätter, Beckenknochen, alles wird sortiert, fotografiert, mit Kennziffern versehen und schließlich in einen Plastiksack gesteckt. Gesäuberte Stellen markieren die Wissenschaftler mit roten Fähnchen. Die Kommunikation beschränkt sich auf knappe Anweisungen. Jeder weiß, was er zu tun hat: der Baggerfahrer, der Polizist, die Wissenschaftler, der Ausgrabungsleiter. Nur eine Bäuerin mit Kopftuch hat keine Aufgabe. Sie steht einfach da. Bewegungslos und stumm betrachtet sie die gespenstische Szene.