Eines kann man den Londonern nicht vorwerfen: daß sie sich leicht aus der Ruhe bringen lassen. Da gab es die geordnete Wanderung der Tausenden von Angestellten, die gestern abend aus ihren Büros in der "City" zu Fuß nach Hause gingen. Da gab es den Mann, der über einem Pint in einem Straßencafé die ganze Wanderung verfolgte, und einfach nur meinte, "Was für ein Tag." Es gab die Busse, die am späteren Nachmittag nach und nach wieder ihren Betrieb aufnahmen. Und es gab clevere Hotelmanager, die Fußmüden Zimmer anboten – nicht selten gleich zum doppelten Preis.Ganz normal? Das wird es natürlich nie wieder für jene Londoner, die gestern direkt betroffen waren. Dinah Cencig zum Beispiel. Die Personalberaterin, die eigentlich nie U-Bahn fährt, war am Terrormorgen früh zu einem Meeting in Tower Hill unterwegs und stieg ausnahmsweise in die U-Bahn in Liverpool Street ein. Bis sie einen dumpfen Knall hörte und einen Feuerball auf sich zurasen sah. "Ich stand einen Woggon hinter dem mit der Bombe, seitwärts bei der Tür, weil ich gleich wieder aussteigen wollte", sagt sie. "Obwohl ich den Aufschlag des Feuerballs am Kopf gespürt hatte, war ich nicht ohnmächtig. Kurz danach kam der Gestank von Metall und verbranntem Fleisch durch."Panik, sagt sie, sei im Waggon nicht ausgebrochen. Eine Frau forderte die Leute auf, nicht aus der Ruhe zu kommen und sich hinzusetzen. Dinah schaffte es, eine Tür etwa 20 Zentimeter weit zu öffnen, und zehn Minuten später waren sie auf dem Weg durch den Tunnel. Verletzte hatten Vorrang. Solche wie Dinah, die "arg ausgeschaut" hat, "mit Blut über dem ganzen Gesicht". Jemand hielt ihre Hand, ein Passagier gab ihr etwas zu trinken. Draußen wurde sie sofort von einer Ambulanz versorgt. Mit 100 Kratzern im Gesicht, Splittern und einer bleibenden Narbe am Hals.Doch wie gesagt: Da ist diese stoische Einstellung, die man den Bewohnern von London nicht von ungefähr nachsagt. Ob Dinah – eine geborene Österreicherin – jetzt neu über ihre Wahlheimat nachdenke? "Nein, auf keinen Fall", sagt sie. Auch nicht wegen der U-Bahn. Ein technischer Fehler oder eine Kollision hätten ihr Vertrauen in das Bahn-Netz mehr erschüttert. Und überhaupt: Die gute Versorgung. Dinahs Arzt im Krankenhaus in der Nähe von Aldgate, am östlichen Rand der City, war gestern am Terrortag auch durch nichts aus der Ruhe zu bringen. "Fliegen Glassplitter hinterlassen ähnliche Wunden wie Kugeln", sagte der Arzt, als Dinah entlassen wurde. "Wir kennen uns damit hier bestens aus."