CDU und CSU haben gegenüber den Regierungsparteien einen riesigen Vorteil: Man erwartet momentan weniger Idealismus und Dramatik von ihnen, zumindest in der Reformdebatte. Gerhard Schröder musste sich für seine sozialtechnokratische Agenda 2010 und sein Pathosdefizit noch rechtfertigen – die Konservativen können seit Wochen lesen, dass bei Ihnen mit moralischer Emphase nicht zu rechnen sei. Für schneidende liberale Bekenntnisse gibt es die FDP, für die Verteidigung des Sozialen die SPD und neue Linkspartei. Die Zeit der Versprechungen ("Halbierung der Arbeitslosigkeit") ist ohnehin vorbei.

Dennoch wird es nicht reichen, falls die Unionsparteien am kommenden Montag in Berlin ihr Regierungsprogramm erwartungsgemäß nüchtern präsentieren. Der Wunsch nach Orientierung ist ja nicht kleiner geworden, seit Schröder seine Agenda vorstellte. Ein möglicher Ausweg der Union aus der Sinnlücke wäre eine zeitgemäßere Verbindung von Bildungs- und Sozialpolitik.

Dass beides irgendwie zusammengehört, ist für Talkshow-Zuschauer nicht neu, meist kommt diese Einsicht in der Formulierung daher, Bildung sei die "neue" oder gar die "eigentliche" soziale Frage. Der Pisa-Schock hat die Öffentlichkeit und die Bildungsreformer aufgeweckt, der Umbau des Sozialstaats blieb von dieser Erkenntnis erstaunlich unberührt (sieht man von einigen Investitionen in Ganztagsschulen ab). Das lag teilweise daran, dass Bildungspolitik Ländersache ist und sich damit bisher dem rot-grünen Zugriff der Regierungspartei weitgehend entzog. Sollte Schwarz-Gelb im Bund und in vielen Ländern regieren, wäre das anders, hätten sie doch die Mehrheit im Bundestag und im Bundesrat. Angela Merkel könnte also zusammenbringen, was zusammengehört.

Warum Bildung und Sozialreformen dringend verknüpft werden müssen, zeigt etwa die Altersvorsorge. In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland mit großer Hingabe und Ausdauer vor allem über die Details alter und neuer Rentenformeln diskutiert. Das war gut, weil es im Rentensystem viel zu reformieren gab. Es fehlt aber der Bildungsteil der Debatte, der im Ausland bei Sozialreformen selbstverständlich dazugehört.

In den Vereinigten Staaten zum Beispiel stehen Probleme wie financial illiteracy und financial abuse – finanzieller Analphabetismus und finanzieller Missbrauch (etwa von alten Menschen durch Angehörige oder Pflegekräfte) – im Kern der Demografiedebatte. Wie, fragen sich die Verantwortlichen, können wir möglichst viele Menschen dabei unterstützen, das nötige Wissen für den Aufbau von Rücklagen für das Alter anzusammeln? Was können wir tun, damit sich Menschen nicht aus Unkenntnis, Disziplinlosigkeit oder Desinteresse finanziell ruinieren und damit der Allgemeinheit zur Last fallen?

Diese Fragen müssen auch hierzulande gestellt und beantwortet werden. Der Lebensstandard im Alter hängt auch in Deutschland immer mehr vom finanziellen Know-how des Einzelnen ab. Die kluge Anlage ist entscheidender als es die Korrekturen der Riesterrente sind.