Goldkettchen um den Hals, braun gebrannt und eine teure Uhr am Handgelenk – mit solchen Details werden üblicherweise Männer aus dem Milieu assoziiert. Jetzt dienen diese Attribute dazu, um über die Medien die vermutete Charakterschwäche von Klaus Volkert zu decouvrieren. Bis Donnerstag vergangener Woche war Volkert noch mächtiger Welt-, Konzern- und Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Volkswagen – und einer der einflussreichsten Arbeitnehmervertreter Deutschlands.

Glaubt man den Informationen, wie sie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht, dann hat Volkert den Konzern für teure Flugtickets einer brasilianischen Geliebten zahlen lassen. Und eine ungenannte Zahl weiterer Betriebsräte hat sich seit Jahren durch "Lustreisen" ihre Unabhängigkeit abkaufen lassen. VW-Personalvorstand Peter Hartz wehrte sich am Dienstag. "Absurd" sei die Vermutung, der VW-Vorstand habe Betriebsräte gekauft. Beweise liegen noch nicht auf dem Tisch. Alle Vorwürfe beruhen auf den Aussagen anonymer Informanten. Erst recht nicht belegt sind die Anwürfe gegen "mögliche Mitwisser" (Wirtschaftswoche) wie den IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters und die beiden niedersächsischen Ex-Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder.

Bis zu einer Klärung kann es noch Monate dauern

Etwas konkreter ist die Informationslage über den Korruptionsfall, der die Affäre ins Rollen brachte. Die interne Revision des Konzerns hatte Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, in die mindestens zwei langjährige VW-Mitarbeiter verwickelt sein sollen: Helmuth Schuster, lange führend in der Wolfsburger Personalabteilung und zuletzt Personalvorstand der VW-Tochter Skoda, sowie Klaus-Joachim Gebauer, ebenfalls ein Personaler bei VW. Beide Manager wurden mittlerweile entlassen, und nur diese beiden wurden bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig angezeigt. Ein "Firmengeflecht" um Schuster könnte eine zentrale Rolle in der VW-Affäre spielen, sagen die Braunschweiger Staatsanwälte. Es bestehe der Verdacht, dass Geldmittel, die VW oder Skoda zugestanden hätten, auf Konten der Firmen und auf Privatkonten gelandet seien.

Schuster, der bislang nicht zu erreichen war, wäre demnach nicht nur ein Erfinder neuer Arbeitszeitmodelle, sondern hätte seine Insiderstellung möglicherweise auch zur Erschließung eigener Einnahmequellen genutzt. Der 62-jährige Ex-Betriebsratschef Volkert räumte am Dienstag ein, sich "auf Drängen der Herren Dr. Schuster und Gebauer neben anderen Personen zur Übernahme eines Gesellschafteranteils an einer Gesellschaft F-Bel bereit gefunden zu haben". Zum Glück für Volkert platzte aber das Projekt der Firma, in Tschechien für Skoda eine kleine Version der Wolfsburger Autostadt zu bauen. Dagegen distanziert er sich von möglichen "Manipulationen" der ihm "über viele Jahre gemeinsamer Arbeit für den VW-Konzern verbundenen genannten Herren". Über sein "Privatleben" will er sich indes keiner Diskussion aussetzen.

Mögliche Quelle für die massiven Vorwürfe gegen die Betriebsräte, so vermutet man bei VW und der IG Metall, könne der geschasste Gebauer sein, dessen Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki, der auch Fraktionschef der FDP im Landtag von Schleswig-Holstein ist, sagt, dass sein Mandant nichts getan habe, was "strafrechtlich relevant" sei. Zu Gebauers Aufgaben in der VW-Personalabteilung gehörte die Organisation und Abrechnung der Fernreisen des Gesamtbetriebsratsausschusses.

Die "lückenlose Aufklärung" der dubiosen Vorgänge, die VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder versprochen hat, wird sich wohl über Monate hinziehen – auch wenn Staatsanwaltschaft, interne Revison und die unabhängigen Wirtschaftsprüfer der KPMG parallel ermitteln. Wie schwer solche Geflechte zu entwirren sind, belegt die Affäre um Manager der Mercedes-Vertriebsorganisation, bei der die Stuttgarter Staatsanwaltschaft mittlerweile gegen 17 Personen wegen Untreue und Bestechlichkeit ermittelt.

Doch im Fall VW hat sich die Diskussion längst von der Faktenlage gelöst. Wem die enge Verbindung von Managern, Betriebsräten und SPD-Politikern bei VW schon immer ein Dorn im Auge war, der sieht jetzt die Chance, den vermeintlichen roten Filz zu zerreißen. Die Vorgänge bei VW könnten "der Sargnagel des deutschen Mitbestimmungsmodells werden", unkt etwa der FDP-Vize Rainer Brüderle. Schon haben IG-Metall-Chef Peters und der designierte VW-Betriebsratschef Osterloh einen Generalangriff gegen die Mitbestimmung und die "Stärke von Betriebsrat und IG Metall" vermutet. Dagegen sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) am Dienstag, der Fall VW sei kein Anlass für eine grundsätzliche Kritik an der Mitbestimmung.