IG-Metall-Chef Jürgen Peters hat vor Vorverurteilungen in der VW-Affäre gewarnt. Es müssten jetzt Beweise auf den Tisch, um die tatsächliche Tragweite der Affäre deutlich zu machen, sagte Peters am Dienstagmorgen dem Rundfunksender NDR Info. Bis dahin müsse für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung gelten. Er sei verunsichert, weil man sich nicht vorstellen könne, dass an den Vorwürfen gegen Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert etwas stimmt. Sollte es bei VW Verfehlungen in Form zum Beispiel so genannter Lustreisen gegeben haben, dann hätten offenbar einige die Maßstäbe verloren. "Denn jeder muss wissen, dass so etwas in einem derart großen Unternehmen nicht geheim bleibt", sagte Peters.Laut Peters soll der Nachfolger von Personalvorstand Hartz, der seinen Rücktritt angeboten hat, ebenfalls Mitglied des Konzernvorstandes sein. "Für uns ist es undenkbar, dass der Arbeitsdirektor auf Konzernebene entfällt", sagte ein IG Metall-Sprecher am Montag in Frankfurt. Unterdessen wandte sich Konzernchef Bernd Pischetsrieder erstmals seit Beginn der Affäre in einem Brief direkt an die Mitarbeiter. VW befinde sich in einer "schwierigen Situation", heißt es in dem Schreiben, das der dpa am Montag vorlag.Pischetsrieder schrieb, die Schlagzeilen über VW hätten "ein unerträgliches Ausmaß" erreicht. Sie beschädigten das Image des Unternehmens, seiner Produkte und der Mitarbeiter, heißt es in dem Schreiben. Pischetsrieder versicherte, "dass wir alles daran setzen, so schnell wie möglich und lückenlos für Aufklärung zu sorgen". "Soweit Verfehlungen aufgedeckt werden und sie Nachteile für das Unternehmen gebracht haben oder strafrechtliche Relevanz besitzen, haben die betroffenen Personen die notwendigen persönlichen Konsequenzen zu ziehen, unabhängig von der Person oder ihrer Position", schreibt der VW-Vorstandsvorsitzende.Er verwies auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den früheren Skoda-Personalvorstand Helmuth Schuster und dessen früheren Mitarbeiter Klaus-Joachim Gebauer wegen Betrugs und Untreue. Zu Gebauers Aufgaben habe gehört, "auf Vertrauensbasis Veranstaltungen und Reisen des Betriebsrates zu organisieren". Bei seinen Abrechnungen gebe es "zweifelhafte Positionen, insbesondere selbst ausgestellte Belege, die die Staatsanwaltschaft überprüfen wird". Schuster und Gebauer sollen ferner Gelder, die eigentlich VW oder der tschechischen Tochter Skoda zustanden, über ein "Firmengeflecht" auf eigene Konten umgeleitet haben. Das Präsidium des VW-Aufsichtsrates will am Mittwoch über das Rücktrittsangebot von Hartz und dessen Nachfolge beraten. Hartz hatte am Freitag seinen Rücktritt angeboten und damit nach eigenen Angaben die Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten einzelner Mitarbeiter übernommen. Die IG Metall hat das Vorschlagsrecht für die Nachfolge. In Branchenkreisen hieß es, Peters favorisiere als Hartz-Nachfolger den Audi-Personalvorstand Horst Neumann, der Mitglied der IG Metall ist. Die Gewerkschaft selbst wollte sich nicht an Nachfolgespekulationen beteiligen. Am Sonntag hatte Niedersachsens Ministerpräsident Wulff mit Blick auf den Hartz-Rücktritt und dessen Nachfolge gesagt, VW müsse die Chance ergreifen, zu einem "neuen Anfang" zu kommen mit einer Neubesetzung.Die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) forderte, der Nachfolger von Hartz sollte kein Gewerkschafter sein. "Das sollte jemand sein, der unbefleckt ist, parteilos, gewerkschaftslos", sagte der Geschäftsführer des Landesverbandes Nord/Küste, Peter Klopp, der dpa. Die CGM prüft, ob sie ein Gerichtsverfahren zur Amtsenthebung von VW-Betriebsräten in Gang setzt.Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer forderte den Rücktritt von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. "Die Abhängigkeiten und Verflechtungen aus der Ära Piëch sind noch zu groß bei VW. VW muss mit neuer Kraft die Neuausrichtung des Unternehmens verstärken", sagte er am Montag.Dudenhöffer kritisierte, in der Zeit von Piëch als VW-Chef (1993-2002) seien die Grenzen zwischen den verschiedenen Interessengruppen bei VW "zu fließend" gewesen. Dabei sei ein System der "Verfilzung" entstanden. Piëch sei es zudem gewesen, der Peter Hartz 1993 als Personalvorstand nach Wolfsburg geholt habe. Wichtige Entscheidungen, die zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten bei VW geführt hätten, seien nicht getroffen worden. "VW leidet unter den höchsten Arbeitskosten in der deutschen Autoindustrie."Piëch-Nachfolger Bernd Pischetsrieder habe die Neuausrichtung von VW systematisch in Gang gesetzt, sagte Dudenhöffer. Er habe neue Produkte - wie den Fox - schnell in den europäischen Markt gebracht und vor allem den Sanierer Wolfgang Bernhard als VW-Markenchef ins Boot geholt. "Dadurch, dass Volkert und Hartz zurückgetreten sind, sind die Chancen sehr gut, dass VW Stück für Stück in eine Ausrichtung zurückkommt, in der das Unternehmen seine Probleme am Markt lösen kann."Dudenhöffer sagte zudem, aus seiner Sicht sollte der Nachfolger von Hartz nicht erneut ein IG Metall-Mitglied sein. "Man braucht jemanden, der nicht im heutigen System gefangen ist. Das sollte ein externer Manager sein und er sollte kein Gewerkschaftsmitglied sein, damit es nicht wieder solch eine Verfilzung gibt." Auf jeden Fall sollte der Neue sich ausschließlich auf die Marke VW konzentrieren. Ein Vorstand auf Konzernebene sei nicht notwendig. "Es braucht jemanden, der an der Seite von Bernhard die VW-Sanierung umsetzt."