Noch dreihundertvierzig Tage bis zum Anpfiff! Naja, ungefähr jedenfalls. Die Fußball-Weltmeisterschaft erregt schon jetzt in einer Art und Weise die Gemüter, wie es sich jede Branche nur wünschen kann. Noch dreiundzwanzig Tage bis zum ersten Nikolaus im Supermarkt! Diese Meldung würde keinen mehr vom Sockel hauen, nicht mal all jene, die den ganzen Sommer über Dominosteine herbeisehnen.Natürlich ist so eine Fußball-WM weit mehr als der sportliche Wettkampf um den Titel. Die WM, das ist das ultimative Highlight an Freizeiterlebnis, der Olymp der Partystimmung! Klar, dass man diesen Hochgenuss so lange wie möglich auskosten muss – also eben schon ab jetzt. Oder vielmehr seit vorgestern.So eine Fußball-WM ist für viele, die den besagten Spaß-Faktor voll zelebrieren wollen, die Lizenz zum kollektiven feiern – weshalb eifrige Unternehmer bereits geflissentlich um das leibliche Wohl der Fans bemüht sind. Dieses leibliche Wohl fängt aber nicht bei der Flasche Bier an und hört bei der nächsten Currywurst wieder auf, sondern ist weit umfassender. Die körperlichen Bedürfnisse der umsorgten Fans werden nicht außer Acht gelassen: so ist man nicht nur darauf bedacht, dem Blasendruck nach dem Alkoholkonsum Abhilfe zu verschaffen, sondern auch dem sexuellen Druck eine Möglichkeit der Entfaltung zu bieten. Diese Überlegung ist sehr naheliegend, denn im gleichen Verhältnis, in dem der Alkoholpegel steigt, schwinden die Hemmungen und man kommt sich näher. Da es auch für diese vorprogrammierten Gefühlsregungen einen Markt mit Spezialisten und tüchtigen Geschäftsmännern – oder besser gesagt Geschäftsfrauen – gibt, erwartet Deutschland einen Pilgerstrom von 40.000 Prostituierten aus dem Ausland im Zuge der Weltmeisterschaft. Die Kalkulationen der Damen sind sicherlich nicht falsch: entweder befinden sich die Fans nach einem Spiel im Höhenrausch der Glückseeligkeit, die sich mit einem guten Orgasmus perfektionieren lässt, oder aber sie stürzen nach einer Niederlage in so tiefe Trauer und Frustrationen, dass sie dringend einer professionellen Tröstung bedürfen. Da die Wahrscheinlichkeit, dass eine der beiden Szenarien eintritt, erschreckend hoch ist, werden die emotionalen Sanitäterinnen sicherlich zum körperlichen Einsatz kommen. Nun bietet zwar ein Fußballstadion hinreichend Platz, und während des Spiels muss ohnehin selbst die Erotik in die zweite Reihe rücken, doch ist eine Arena bei genauerer Beäugung dann doch nicht so ganz der optimale Ort was Intimität und Beschaulichkeit anbelangt. Die Vorstellung, wo in dem ganzen Chaos und Gewühle rund um die Stadien 40.000 Prostituierte Platz zum Arbeiten finden sollen, ist eher kryptisch. Aber da Vater Staat ein fürsorglicher seiner Art ist, der sich um die Belange aller Schäfchen kümmert, sind in manchen Städten die Verantwortlichen bereits am planen. Die Lösung liegt in eigens aufgestellten Häuschen, in denen die Freier Erleichterung finden können. Die Verrichtungs- oder Stichboxen , wie sie genannt werden, sind zwar keine architektonische Meisterleistung und versprühen auch nicht gerade jenen atmosphärischen Charme, den man sich von einem inszenierten Schäferstündchen erträumt, aber sie erfüllen zweifelsohne ihren Zweck – und besser als ein staubiger Straßenstrich sind sie allemal. Die garagenähnlichen Unterkünfte für den erotischen Boxenstop zwischendurch sind keine Neuheit und haben trotz aller Kuriosität eine durchaus sinnvolle und unterstützenswerte Funktion: Sie stammen aus den Niederlanden, wo sie als Ütrechter Modell bekannt wurden. Im Jahr 2001 hielten die Erotikschuppen Einzug in Köln, wo mittlerweile etwa 300 Prostituierte im Wechsel arbeiten. Während oftmals gerade drogenabhängige Frauen vor Übergriffen und Gewaltbereitschaft der Freier kaum geschützt sind, werden die Verrichtungsboxen von Polizei, sozialen Diensten und Ordnungsämtern betreut. Dieses Konzept hat sich bewährt: die Prostituierten fühlen sich nicht über-, sondern bewacht und die Stimmung ist entsprechend entspannt. Alarmklingeln und Fluchttüren bieten in den Mini-Bordellen zusätzlichen Schutz vor unliebsamen Begebenheiten. Viele Damen nutzen zudem die eingerichteten Beratungsstellen, die über sexuell übertragbare Krankheiten aufklären. Dortmund und Berlin erwägen jetzt im Zuge der WM-Planungen ebenfalls solche Etablissements einzuführen. Teilweise sind die bunten Boxen schon aufgestellt worden, sie sollen noch mit Kondomautomaten und Imbissmöglichkeiten versorgt werden, damit der Spaß weder durch Krankheiten noch durch knurrende Mägen getrübt wird. Die Stadt Dortmund hat ein Bahngelände in der Nähe des Straßenstrichs auserkoren, das zum Ort der Lust werden soll. Jetzt ist man auf der Suche nach einem privaten Betreiber und hofft auf die Zustimmung der Bahn. Wenn die Vögelhäuschen erst einmal aufgestellt und heimelich eingerichtet sind, werden die Fans sicherlich gerne nach den Spielen feucht-fröhlich singend vom Flutlicht ins Rotlicht ziehen – und dann kann sie beginnen, die Feier für die Freier.