Familie und Beruf zu vereinbaren, stellt viele Menschen in Deutschland vor große Probleme. Und nicht wenige verzichten ganz auf Nachwuchs, weil sie aus eben diesem Dilemma keinen Ausweg sehen und ihre Karriere und ihren Lebensstandard nicht gefährden wollen. Flexible Arbeitsmodelle könnten Abhilfe schaffen, aber die Mehrzahl der Unternehmen zeigt mit Verweis auf die wirtschaftlich schwierigen Zeiten wenig Bereitschaft, ebenso flexibel auf die Wünsche ihrer Arbeitnehmer zu reagieren.Im Gegenteil, deutsche Arbeitnehmer werden zunehmend mit der Forderung nach einer Erhöhung der Arbeitszeit konfrontiert, um das deutsche Wirtschaftswachstum anzukurbeln, was wiederum dem Kinderwunsch nicht förderlich ist. Zuletzt hat sich der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) für längere Arbeitszeiten und einen Tag weniger Urlaub ausgesprochen. Der Wirtschaftssachverständige der Bundesregierung, Bert Rürup, schlägt dagegen einen anderen Weg ein. Der Professor für Finanz- und Wirtschaftspolitik an der TU Darmstadt setzt auf familienfreundlichere Arbeitszeiten und bessere Kinderbetreuung, und will damit nicht nur mehr Beschäftigung, sondern auch mehr Wachstum in Deutschland erreichen. Zusammen mit Familienministerin Renate Schmidt stellte der Regierungsberater dazu am Mittwoch in Berlin ein neues Gutachten vor.Rürup und die SPD-Politikerin machten sich erneut für flexible Modelle wie Gleitzeit, Arbeitszeitkonten, Telearbeit oder Job-Sharing nicht nur zu Gunsten von Eltern, sondern auch für Angehörige pflegebedürftiger älterer Menschen stark. "Wer Kinder betreut oder einen älteren Angehörigen pflegt, muss dies mit seiner Arbeitszeit in Einklang bringen können", sagte Rürup. Teilzeitarbeit müsse sich nicht auf den klassischen Vormittag beschränken. Der Studie zufolge gäbe es eine erhebliche Nachfrage nach "großen" Teilzeitstellen mit etwa 30 Wochenstunden. Wenn Frauen diesen Wunsch verwirklichen könnten, würden rund 936.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, wie Rürup erklärte. Angebote zur Kombination von Elternzeit und Teilzeit werden von 78 Prozent der Beschäftigten gewünscht, aber nur von 29 Prozent der Betriebe angeboten. 69 Prozent der Akademikerinnen fühlen sich sehr im Zeitstress bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.Das Problem rigider Arbeitszeiten, die die Doppelbelastung von Beruf und Familie noch zusätzlich verstärken, ist indes altbekannt. Der neue Ansatz der Studie besteht darin, dass von einer nachhaltigen Familienpolitik mit entsprechend koordinierten Arbeitszeiten gepaart mit dem Ausbau der Kinderbetreuung und dem angekündigten Elterngeld positive Wirkungen für das wirtschaftliche Wachstum erwartet werden. Wenn die tatsächliche Arbeitszeit stärker an die gewünschte Arbeitszeit angeglichen würde, ließe sich nach Aussage Rürups eine Steigerung der Geburtenrate in den nächsten 15 Jahren von derzeit 1,3 auf Bestandserhaltende 1,7 erreichen. Durch eine Erhöhung der Geburtenrate steige langfristig die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter, was wiederum zu mehr Wirtschaftswachstum führe. Flexible Arbeitszeitmodelle führen zudem nach Worten Rürups dazu, dass mehr Frauen einer Beschäftigung nachgehen und sich die Gesamtzahl der bundesweit geleisteten Arbeitsstunden erhöht."Familie bringt Gewinn", sagte die Familienministerin Schmidt bei der Vorstellung des Gutachtens. Schmidt betonte, das Ziel müsse sein, vorhandene Kinderwünsche umzusetzen. "Ohne die Zeitbedürfnisse von Familien zu berücksichtigen, werden wir keinen Erfolg haben", erklärte die Ministerin. Als zentrale Säule ihrer Familienpolitik sieht Schmidt dabei das von der SPD geplante Elterngeld. Die Familienministerin wies Vorwürfe der CDU zurück, wonach das einkommensabhängige Elterngeld Gutverdiener bevorzuge, vielmehr bedeute diese gezielte Familienförderung für einen großen Teil der Familien eine Verbesserung. Wer sich für Kinder entscheide, solle keine dramatischen Einkommenseinbußen hinnehmen müssen und als Alleinerziehender nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein. Als Idealziel beschrieb Schmidt die Möglichkeit, ein Jahr ohne finanzielle Not aussetzen und dann das Kind in guter Betreuung unterbringen zu können. "Das Elterngeld könne im Falle eines Wahlsiegs aber erst ab 2008 per Gesetz in Kraft gesetzt werden", sagte sie. Priorität habe zunächst der weitere Ausbau der Kinderbetreuung.