Der Duden feierte Geburtstag. 125 Jahre ist er am 7. Juli geworden. Viele waren zur Feier des Tages gekommen: Freunde, Bekannte, Skeptiker. Das Geburtstagskind hat stürmische Zeiten hinter sich. Das liegt an seinem Inhalt - der deutschen Rechtschreibung. Um so mehr lohnte es sich, zu feiern. Die aktuelle 23. Auflage des deutschen Wörterbuches beinhaltet 125.000 Stichwörter. Natürlich gibt es sie heute auch als CD-ROM für unterschiedliche technische Plattformen wie Windows, Mac und Linux, dazu akustische Aussprachehilfen zu über 9.000 Wörtern.

Wie werden die Wörter gefunden, die in den Duden aufgenommen werden, fragen sich die Geburtstagsgäste und bekommen die Antwort von der Duden-Redaktion: Zum einen durchforsten Computerprogramme große Mengen an Texten nach unbekannten Wortformen. Dafür brauchen sie elektronische Textsammlungen, Korpus genannt. Das Dudenkorpus befindet sich im Aufbau, wird aber ungefähr 500 Millionen Wortformen aus unterschiedlichen Textarten wie Romanen, Zeitungsartikel und Gebrauchsanweisungen umfassen. Diese Wortformen sind annotiert, das heißt, mit besonderen sprachlichen Informationen angereichert. Zusätzlich wird in anderen elektronischen Medien wie dem Internet nach bislang noch nicht verzeichneten Wörtern gesucht.

Es geht aber auch ganz traditionell zu: Texte wie Romane, Fachbücher, Rezepte werden von erfahrenen Sprachbeobachtern gelesen. Dabei entdecken sie nicht nur neue Wörter, sondern auch grammatische Phänomene und neue Bedeutungen. Das menschliche Auge ist dem Computer immer noch hoch überlegen. Die Beobachtungen werden in der Duden-Sprachkartei aufgenommen, die bislang über drei Millionen Belege enthält und seit 1998 elektronisch geführt wird. Die Aufnahmekriterien sehen vor, dass das Wort im Wörterbuchtyp richtig aufgehoben ist. Internettelefonie, on top oder One-Way-Flug haben gute Chancen beim Rechtschreibduden. Bei Grenzfällen zählt das Zusatzkriterium der Häufigkeit und dies am besten über mehrere Jahre hinweg. So werden Eintagsfliegen wie Doku-Soaperette ausgeschlossen. Darüber hinaus sollte das infrage stehende Wort in verschiedenen Textsorten vorkommen. Ein Garant dafür, dass es auch wirklich "in aller Munde" ist.

An der festlich gedeckten Kaffeetafel redeten die Gäste über die Anfänge: Der Erfolg des Dudens liegt in einem Chaos begründet. Um 1850 gab es in Deutschland ein undurchschaubares Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung. Jeder Verlag, jede Zeitung hatte ihr eigenes orthografisches Konstrukt, das je nach Bundesstaaten variierte. Spätestens zur Reichsgründung 1871 empfanden die Menschen dieses Wirrwarr als Behinderung. Aber die 1. Staatliche Konferenz 1876 vermochte es nicht, eine verbindliche Einigung zur deutschen Rechtschreibung herbeizuführen. Es scheiterte am Veto Otto von Bismarcks.

Unbeeindruckt von dieser Entwicklung erschien am 7. Juli 1880 in Leipzig das von Konrad Duden (1829-1911) verfasste Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache . Er schuf damit die Grundlage für eine einheitliche deutsche Rechtschreibung. Dieser sogenannte "Urduden" enthielt 27.000 Stichwörter, und basierte auf den Rechtschreibregeln des Germanisten Wilhelm Wilmanns, die er für preußische Schulen entwickelt hatte. Mit Beschluss der 2. Orthografischen Konferenz 1901 wurde Dudens Regelwerk im deutschen Reich verbindlich. Der Grund dafür war nicht Preußen Einfluss als mächtigstem Teilstaat des Reiches. Vielmehr hatte sich Dudens Werk einfach gegen alle Konkurrenten durchgesetzt und war auch von Druckern, Setzern und Korrektoren verwendet worden.

Die Gäste tuschelten. Wo denn der Unterschied zum heutigen Zustand läge? Alles wäre derzeit auch ein Chaos und zwar ein Reformchaos. Gut hörbar war zu vernehmen, dass es diesmal halt andersherum sei. Der Staat wolle eine Änderung in der Rechtschreibung, aber das Volk eben nicht. Und da brach sie los, die Diskussion um die Ästhetik der Wörter, die in der Neuen Rechtschreibung schwer beschädigt worden sei. Sie murmelten weiter, dies sei auch kein Wunder bei der Zusammensetzung der Rechtschreibkommission: Alles Fachleute, die für isolierte und ungewöhnliche Meinungen bekannt seien. Dann ein Argument von einer Person schräg gegenüber: Wie das Ansehen des Deutschen als Fremdsprache gelitten habe durch die kontrovers geführte Diskussion um die Rechtschreibereform und die als undemokratisch bewertete Einführung des neuen Regelwerkes. Dabei ging es gerade Konrad Duden um Demokratie: "Schreibe, wie Du sprichst" war die Basis für sein Werk. Er empfand dies als demokratisch, weil es jedem - unabhängig von seiner sozialen Herkunft und Bildung - das Erlernen der Orthografie am ehesten ermögliche.