Zu seiner Zeit, in den fünziger und sechziger Jahren, war John Kenneth Galbraith ein Weltstar, wie die Wirtschaftswissenschaft sie heute nicht mehr zu bieten hat. Im Winter wohnte der Harvard-Professor oft in seinem Haus im Schweizer Nobelskiort Gstaad, fuhr morgens Ski, schrieb dann und zeigte sich abends auf den Parties der Reichen. Seine kapitalismuskritischen Bücher wie "Die Gesellschaft im Überfluss" waren Bestseller, seine Auftritte gefeiert.

Dann wurde der geborene Kanadier verdrängt vom marktliberalen Konkurrenten Milton Friedman aus Chicago, und die Welt wollte andere Töne hören. Natürlich schrieb und stritt er weiter, und zu seinem Werk gehören nicht nur Wirtschaftsbücher, sondern auch ein witziger kleiner Roman namens "Ein beamteter Professor" über den Wissenschaftsbetrieb. Nun wurde John Kenneth Galbraith 95 Jahre alt - und so manche Einsicht von ihm ist wieder jung geworden.

Managerskandale in den USA und in Europa lassen sein altes Misstrauen wieder neu erscheinen. Ihm waren die unkontrollierten Chefs der Multis jedenfalls schon suspekt, lange bevor bei Enron der Boden bebte. Die Heuschrecken-Debatte in Deutschland kommt mitunter so ungelehrt daher, weil die Protagonisten ihren Galbraith nicht gelesen haben. Denn auch die Finanzindustrie betrachtete er schon kritisch, ehe die New Economy zusammenbrach.

Wenn dieser Kapitalismuskritiker, der den Glamour liebte und mit seinen Büchern ein wohlhabender Mann wurde, nun noch einmal zur Feder gegriffen hat, ist das allemal einen Blick wert. Was will er uns sagen in seiner 111 Seiten kurzen "Ökonomie des unschuldigen Betrugs"?

"Die Kernthese dieses Essays lautet, dass die Volkswirtschaftslehre, aber auch wirtschaftliche und politische Systeme im Allgemeinen, aus finanziellen und politischen Interessen und aufgrund kurzlebiger Modetrends ihre eigene Version der Wahrheit kultivieren. Diese hat nicht unbedingt etwas mit der Wahrheit zu tun. Niemand bestimmtes trifft eine Schuld; schließlich glauben die meisten Menschen das, was sie glauben möchten ... alle Menschen, die sich für ökonomische und politische Fragestellungen interessieren, sollten sich jedoch bewusst sein."

Die Kritik an selbstherrlichen Managern ist dabei nur eines von vielen Themen dieses Essays. Wichtiger ist dem Altmeister eine andere Verzerrung der Wahrheit:

"Ausführlicher werde ich auf jeden Abschied von der Wirklichkeit eingehen, der anhand des herrschenden volkswirtschaftlichen Credos schon länger zu beobachten ist und gravierende Folgen nach sich zieht."

Dann folgen Galbraiths Attacken. Und obwohl sie seine alten Themen und Thesen wiederholen, die er vor allem auf das heutige Amerika münzt, wirken sie doch viel frischer als die Angriffe vieler Antiglobalisierer, die doch seine Urenkel sein könnten - im Geiste oft aber leider nicht sind.

Gemessen an anderen Ökonomen war Galbraith stets ein Sprachkünstler. Als solcher weiß er, wie bedeutsam Wörter in der Auseinandersetzung sind. Nicht nur, dass der Kapitalismus heute "Marktsystem" heißt, regt ihn auf - als ob es nur um einen Mechanismus zur Koordinierung von Angebot und Nachfrage ginge und nicht eben um Macht und Ohnmacht. Den Unternehmen sei es auch gelungen, ihre eigenen Bürokratien als hoch effizientes "Management" zu verkaufen, während die staatlichen Verwaltungsgebilde allgemein verhasst seien. Den Unterschied zwischen beiden hält Galbraith indes für gering.

Irgendwie sind die Dinge aus seiner Sicht schlimmer geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Friedmans Konterrevolution ist nicht spurlos an der Welt vorübergegangen. Heute lässt sich nach Galbraiths Meinung der Staat immer öfter von der Privatwirtschaft dominieren.

"In Wirklichkeit setzen die Unternehmen alles daran, Preise nach eigenem Belieben festzusetzen und künstliche Nachfrage nach ihren Produkten zu schaffen. Zu diesem Zweck nutzen sie das gesamte Instrumentarium der Monopol- und Oligopolbildung, der Produktgestaltung und -differenzierung, der Werbung und sonstiger Methoden ..."