Der „Dschihad“ ist eingetroffen. Am vergangenen Donnerstag wurde der islamische Terror auf britischem Boden geboren. Schlimmer noch ist die Erkenntnis, dass die Frontlinie im Konflikt mit dem totalitären Islam mitten durch Zentren und Vororte britischer Städte verläuft - was die Jagd auf die Täter noch dringlicher macht. Mit jedem Tag, der verstreicht, wächst das Risiko eines weiteren Anschlags der Terroristen, die am 7. Juli in London Massenmord verübten. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass ein Selbstmordtäter am Werk war. Das würde eine dramatische Eskalation signalisieren. Bislang war Europa verschont geblieben von dieser Form des Terrors, die Israel seit vielen Jahren ertragen muss. Bislang waren junge, fanatisierte Muslime, oft mit dem Segen ihrer Familie versehen, aus Großbritannien nach Tschetschenien, Israel, Afghanistan und zuletzt häufiger in den Irak aufgebrochen, um ihr Leben als Waffe einzusetzen.

Nachdem die Medien Großbritanniens letzthin immer häufiger suggeriert hatten, die Regierung beschwöre die „Macht der Albträume“ (so der Titel einer BBC Fernsehserie), nur um ihre unliberalen Gesetze durchzupauken, sind sich die Briten der Gefahr in ihrer Mitte sehr bewusst. Umso erstaunlicher wie gefasst sie reagierten und damit zugleich dem Terror seines Stachel beraubten. Die trotzige Botschaft London will go on , auf einem handgeschriebenem Plakat am Eingang einer der vom Anschlag getroffenen U-Bahnstationen, entspricht der kollektiven Stimmung. In extremen Situationen enthüllt sich die seelische Befindlichkeit einer Nation am klarsten. Keine Panik, keine wilde Flucht, kaum eine Szene heilloser Angst. Schock und Schmerz ertragen die Londoner mit Gleichmut und Würde. Im Parlament pries die Opposition die „ruhige, überlegte und staatsmännische“ Haltung des Premiers, während die Regierung Abstand nahm von hastig gestrickten Gesetzesinitiativen. Personalausweise, von links wie rechts etwas hysterisch als „Ende der Freiheit“ abgelehnt, wird das Parlament wohl verabschieden. Verlängert werden dürfte der abgestufte Hausarrest für die „Belmarsh 10“, oft, aber unzutreffend als Britains Guantanamo bezeichnet. Die inhaftierten Ausländer, terroristischer Taten in Ländern wie Ägypten und Jordanien verdächtigt, hätten England verlassen können. Ausliefern will sie London nicht wegen Zweifeln an der Justiz in den arabischen Ländern.

Der brutale Angriff auf London legte Tugenden frei, die durch den Siegeszug der hochemotionalisierten Opfer- und Therapiekultur verschüttet worden war. Der „Kult des Egos“, den Kulturkritiker gerne als „Dianafizierung“ bezeichnen, die maulige Unzufriedenheit trotz nie erlebten Massenwohlstandes - all das war erst einmal wie weggeblasen. Stattdessen dominierten Solidarität und Hilfsbereitschaft - und die Entschlossenheit, sich äußerem Druck keinesfalls zu beugen. „Ihr werdet unser Leben und unsere Werte nicht ändern“, verkünden unisono Königin und Premier. Sie sprechen dem Volk aus der Seele.

Nur, wird das so bleiben? Unter der Oberfläche lauert der verquere, geschichtslose Glaube der bien pensants , die al Qaida auf den Leim gehen. Derzeit flüstern sie, was sie am liebsten laut herausschreien würden: das Massaker wäre nicht geschehen, hätte Blair sich dem Irakkrieg verweigert. Die „Illusion des Appeasements“ angesichts eines Terrorismus, der lange vor dem Irakkrieg „Ungläubige“ wie Muslime rund um die Welt metzelte, klang bei einigen Journalisten in Radio und Fernsehen an, die sich heftig bemühten, Oppositionspolitikern einen Schuldspruch zu entlocken. Bislang vergeblich. Kolumnen im Guardian und Independent deuten jedoch auf ein baldiges Ende der Schamfrist hin.

Britischer Stoizismus dürfte hart auf die Probe gestellt werden. Da sind die Terroristen, die frei herumlaufen. Sie könnten erneut zuschlagen, vielleicht in einer anderen Stadt als London. Die britischen Fahnder beunruhigt die offenkundige Parallele zur Attacke auf Madrid vor 16 Monaten: die gleiche Koordination, der gleiche Vernichtungswille, der Einsatz mobiler Telefone und Zeitzünder, die Verwendung militärischen Sprengstoffs, wahrscheinlich aus dem Balkan – und nun vielleicht auch das gleiche Endspiel? Selbst wenn es gelingen sollte, die Terroristen zu stellen, bevor sie erneut den Tod in die Straßen tragen, droht ein blutiges Finale. Sie könnten versuchen, möglichst viele Menschen zu töten, bevor sie sich in die Luft sprengen. So die Anweisung im Handbuch al Qaidas, die in Madrid buchstabengetreu befolgt worden war.

Innenminister Charles Clarke vergleicht die Fahndung mit der „Suche nach Nadeln im Heuhaufen“. Das Bild passt. Man weiß viel zu wenig. Die Liste möglicher Drahtzieher und Hintermänner ist lang. Vielleicht inszenierten die Akteure von Madrid auch die Londoner Attacke? Verbindungen gab und gibt es. Von Londinistan sprach die französische Sécurité , weil britische Toleranz die Metropole zum Tummelplatz vor allem nordafrikanischer Extremisten gemacht hatte. Der Prediger Mohammed Bakri, der seine Gefolgsleute jahrelang zum Dschihad ermunterte, hatte im vergangenen Jahr den Covenant of Security für London für beendet erklärt und „große Ereignisse“ vorausgesagt. Bis dahin schien für die britische Metropole eine unausgesprochene Übereinkunft zu gelten: Ihr lasst uns in Ruhe, wir greifen nicht an. Viele potenzielle Terroristen tauchten in London unter, unbehelligt von Melde– oder Ausweispflicht, geschützt durch ein liberales Rechtssystem, das die Leugnung des Holocaust, weitverbreitet in muslimischen Kreisen, ebenso als Meinungsfreiheit erlaubt wie wildeste Aufrufe zur Gewalt, solange sie nicht konkret mit einer Tat verbunden sind.

Wer exekutierte den perfekt organisierten Anschlag in London? „Gnade uns Gott, wenn es sich um heimische Terroristen handelt“, sagte spontan ein Minister kurz nach der Schreckenstat. Für heimische Terroristen spricht das Fehlen jeglichen elektronischen chatters vor den Bomben in London. Erhöhte Kommunikation hätte zumindest ganz allgemein auf heraufziehendes Unheil hingewiesen. Die Terroristen operierten unterhalb des Radarschirms des Secret Service . Vor „Schläfern“, die über Jahre hinweg still verharren, bis ihre Zeit herannaht, warnte Eliza Manningham–Buller, Chefin des MI 5, schon vor drei Jahren. Sie hielt einen Terrorschlag für „unvermeidlich“. Schwer quantifizierbar ist die Zahl der britischen Muslime, die in den 90ern in Lagern al Qaidas in Tschetschenien, Afghanistan und Pakistan trainiert wurden. Nach dem 11.9.2001 schätzte der MI 5 ihre Zahl auf 500 bis 1000. Nach England zurückgekehrt, leben sie als clean skins unauffällig und unbescholten. Wie viele blieben potenzielle „Dschihadisten“, bereit zu töten?