Es war 16.30 Uhr am Dienstagnachmittag, ein heißer Tag in der israelischen Stadt Netanya, nördlich von Tel Aviv. Viele Menschen waren auf dem Weg in das Einkaufszentrum Sharon, als sich auf dem belebten Fußgängerübergang vor dem Einkaufskomplex ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Er riss drei Frauen mit in den Tod, zwei waren 16 Jahre, die dritte 31 Jahre alt.Mehr als neunzig Menschen wurden durch die Explosion zum Teil schwer verletzt. Der Anschlag forderte später noch ein weiteres Todesopfer. Die fünfzigjährige Anna Lifshitz erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen, ihr Mann hatte vor dem Operationssaal ausgeharrt und bis zuletzt gehofft. Das Selbstmordattentat traf die Familie Lifshitz über drei Generationen hinweg. Auch die 26jährige Tochter wurde lebensbedrohlich verletzt, befindet sich mittlerweile aber außer Lebensgefahr. Ihre dreijährige Tochter erlitt Verbrennungen. Gerade noch hatte Israel mit den Opfern der Londoner Terrorattentate getrauert, da wurde das anschlagsgebeutelte Land selbst Opfer einer Attacke - der ersten seit fünf Monaten. Der "Horror kehrte zurück" schrieb die israelische Tageszeitung Jediot Achronot am Tag danach. Ausgeführt wurde die Tat durch einen 18jährigen Palästinenser, der sich noch am Morgen des Attentats sein Abiturzeugnis abgeholt hatte, wie die Zeitung berichtete. Er stammte aus den Reihen der Terrororganisation Islamischer Dschihad. Das Attentat fällt in eine Zeit, wo Israel und die Palästinenser sich um Aufrechterhaltung einer brüchigen Waffenruhe bemühen. Scharons Regierung riskiert innenpolitisch Kopf und Kragen, den Rückzug aus dem Gazastreifen gegen den Widerstand der jüdischen Siedlergemeinschaft voranzubringen. Seinerseits kämpft der palästinensische Präsident Mahmud Abbas darum, sich das Vertrauen der Israelis sowie der eigenen Bevölkerung zu erhalten.Der Zeitpunkt des Attentats ist nicht zufällig gewählt. Fünf Wochen vor dem als "historisch" bewerteten Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen, stellt das Attentat eine schwere Belastung in den israelisch-palästinensischen Beziehungen dar. Der palästinensische Terroranschlag bedeutet eine Schwächung des Palästinenserpräsidenten. Die Stellung von Mahmud Abbas ist geschwächt: Seine Autorität droht verloren zu gehen, bei den Israelis, im Ausland und in den eigenen Reihen verliert er zunehmend an Rückhalt und Ansehen.Abbas war angetreten, die Gewalt von palästinensischer Seite aus, zu beenden und damit eine Grundlage, für einen erneuten Dialog mit israelischen Politikern aufzubauen. Gewalt als politische Option hatte er anders als sein Vorgänger Arafat immer eine klare Absage erteilt. Dadurch wurde er zu einem glaubhaften Verhandlungspartner für Israel. Doch für viele, vor allem junge, Palästinenser wäre Marwan Barghouti, der Chef der el-Fatah, der in Israel wegen des Terrorvorwurfs eine Gefängnisstrafe absitzt, der Wunschkandidat als Präsident gewesen. Abbas hatte als einer der Architekten des Osloer Abkommen 1993 in den Augen vieler Palästinenser, gegenüber Israel zu große Zugeständnisse gemacht. Die Israelis hatten von Anfang befürchtet, dass der mangelnde Rückhalt in der palästinensischen Bevölkerung Abbas zum Verhängnis werden könnte. In der israelischen Zeitung Haaretz wurde eine israelischer Politiker mit den Worten zitiert: "Der (Islamische) Dschihad hat Abu Mazen’s ins Gesicht gespuckt", wobei er den Spitznamen von Abbas verwendete. "Die Bombe hat Abbas Autorität in Frage gestellt. Israel müsste sich nun fragen, ob die Palästinenser, ein Stadium erreicht haben, indem sich nicht länger ihrem Präsidenten folgen", wurde der Regierungsvertreter in Haaretz zitiert. Abbas hatte vor einer harten Konfrontation mit den militanten Gruppen zurückgescheut und stattdessen auf deren Einbindung in die palästinensischen Polizeikräfte gesetzt. Sharon dagegen hatte bei einem Treffen mit Abbas verlangt, dass die Terrorgruppen zerschlagen werden müssten. Der Palästinenserpräsident dürfte darauf gesetzt haben, dass ihn die militanten Gruppen solange unterstützten, wie kontinuierliche Fortschritte für die Palästinenser zu verzeichnen waren, wie die Freilassung von palästinensischen Häftlingen, Rückzug des israelischen Militärs aus einigen palästinensischen Städten im Westjordanland wie Tulkarem und die Rückgabe des Gazastreifens, offensichtlich kein Hinderungsgrund für den Islamischen DschihadDie Antwort von Abbas auf den Selbstmordanschlag war dementsprechend eine scharfe Verurteilung der Täter. Immer wieder betonte er, wie "dumm die Männer seien, die hinter dem Anschlag steckten" und wie "sehr sie der palästinensischen Sache" schadeten. Damit dürfte der Palästinenserpräsident nicht nur den Annäherungsprozess zwischen Israelis und Palästinensern und den geplanten Gazaabzug, sondern auch sein eigenes politisches Schicksal gemeint sein. Er kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Dies wurde allerdings von den Israelis übernommen.Mit der Zurückhaltung Israel war es nach dem Terrorattentat schlagartig vorbei. Sie reagierten umgehend mit einer Militäraktion gegen den Islamischen Dschihad, bei der zwei bewaffnete Palästinenser getötet wurden, und der faktischen Wiedereinnahme von Tulkarem durch israelische Sicherheitskräfte. Bei der Militär-Razzia wurden zwei bewaffnete Palästinenser getötet. Sharon kündigte bereits kurz nach dem Attentat an, dass "seine Regierung hart gegen Anhänger des Islamischen Dschihad vorgehen werde". Bereits in der Vergangenheit war es Extremisten auf beiden Seiten wiederholt gelungen, den Verständigungsprozess zwischen Israel und den Palästinensern durch Gewalttaten zu torpedieren, denn die Gewaltspirale setzte sich nach Übergriffen und Terrorangriffen unweigerlich in Bewegung.Die letzten fünf Monate waren eine Periode relativer Ruhe in der krisengeschüttelte Region, die Anlass zur Hoffnung gaben, dass mit dem Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen, der Friedensprozess zwischen den beiden verfeindeten Seiten an Fahrt gewinnen würde. Dann hätten Extremisten einmal mehr erreicht, dass sich friedenswillige Kräften, dem Kalkül von Terrorangriffen beugen und sich vom Friedensweg abbringen lassen. Vielleicht kann der Grüne Außenminister Joschka Fischer (Grüne), der gestern zu einem zweitägigen Besuch nach Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete aufgebrochen ist, helfen, zwischen beiden Seiten zu vermitteln und bei den Israelis, zerstörtes Vertrauen in die palästinensischen Friedenskräfte aufzubauen. Einen Fürsprecher kann der palästinensische Präsident zurzeit auf jeden Fall gebrauchen.