Hector Freitas saß am Donnerstag morgen dort, wo Bombenanschläge blankes Geld bedeuten: auf dem "Commodities Trading Floor" der Investmentbank Morgan Stanley in London. Dort, wo Rohstoffe gehandelt werden, Energiequellen, Öl. Nachrichten von Terroranschlägen können die Preise für solche Dinge auf Sturzfahrten oder auf Höhenflüge schicken, je nachdem. Darum gehört ein "Commodities Trading Floor" auch zu den ersten Orten, wo man davon erfährt. Fernsehnachrichten, Agenturmelden von Bloomberg und Reuters und eine Fülle hochspezialisierter Informationsdienste flimmern hier über die Bildschirme.

Hören konnte man die Explosionen hier nicht. Der Londoner Trading Floor bei Morgan Stanley ist nämlich draußen in den Docklands untergebracht, im Businesscenter "Canary Wharf". Als ab 9 Uhr morgens die ersten Nachrichten durchsickern, wußte man selbst auf dem Trading Floor nicht genau, was los war. Etwa anderthalb Stunden lang nicht. Erst soll nur eine U-Bahn-Station gesperrt gewesen sein. Das ist normal in London. Dann kam die Nachricht von Explosionen. Gut, vielleicht haben Stromkabel aneinander gerieben. Dann war das ganze U-Bahn-Netz gesperrt. Da muß etwas passiert sein, dachte Hector, dachte der Trading Floor, jetzt wird es langsam unheimlich. Als das Wort "Terror" endlich auf den Bildschirmen und in den Köpfen angekommen ist, fällt der Ölpreis, am Ende um etwa um vier Dollar.

Erstmal, sagt Hector Freitas, hat man nicht mal ans Geschäft gedacht. So unmenschlich gehe es nicht zu, auch im Zentrum der Hochfinanz nicht. Man hat die Verwandtschaft angerufen. Er, Hector, hat seine Freundin angerufen, die mit dem Bus in Richtung britisches Museum unterwegs war. Konnte sie nicht erreichen. 10 Minuten lang, 20 Minuten lang, 30 Minuten lang. Nicht per Handy und nicht per SMS. Schließlich kam die Nachricht. Caroline war unversehrt, trotz der Nähe zur Busbombe. Eine Flut von Emails und SMS-Nachrichten aus aller Welt hat sich inzwischen nach Hectors Wohlbefinden erkundigt, und nach dem seiner Bekannten und Kollegen und der Freundin. Ein wenig überwältigt ist er davon, sagt er.

Aber wieso fällt das Öl? Gestern war die Stimmung noch großartig gewesen. In London, weil die Olympiade in die Themsestadt kommt, und auf dem Ölmart, wo ein Barrel Öl endlich wieder mehr als 60 Dollar kostete. Dass es nach den Bomben vier Dollar weniger waren, ist allerdings noch kein gewaltiger Abrutsch. Einige Fondsgesellschaften haben wohl verkauft, um ein paar schnelle Gewinne zu machen. Oder vielleicht erwarten Energiehändler aller Welt, dass fortan weniger in Europa gereist wird. Dann braucht man weniger Treibstoff, und Öl wird folglich billiger. Trotzdem, es ist eine eigenartige Marktreaktion, dachte sich Hector, und er sollte recht behalten.

Zwei Stunden später haben sich die Ölpreise schon wieder erholt. Der Markt reguliert sich selber. Öl wird immer gebraucht, wenn nicht in Europa, dann eben anderswo auf der Welt. In Asien zum Beispiel. Viele Unternehmen, Fluggesellschaften etwa, müssen immer Öl einkaufen, und viele lassen das über Banken und Hedgefonds erledigen, die genau wissen, wann man einkauft: Wenn die Preise gerade niedrig sind. Wenn mehr Leute Öl einkaufen, steigt der Preis aber wieder. So kostet Öl am Abend wieder 59 Dollar pro Barrell. Ungefähr so viel wie zum Tagebeginn.

Um 17 Uhr verlassen viele Kollegen früh das Büro. Einige kommen wieder zurück wegen völliger Überlastung des Straßenverkehrs, andere machen sich auf den langen 10-, 20-, 30-Kilometer-Fußmarsch nach Hause. Hector ist mit dem Auto zur Arbeit gekommen, eben weil er Terroranschläge gefürchtet hat. Er will spät nach Hause und will dann gleich ein paar Kollegen mitnehmen. Andere werden in Hotelzimmern übernachten, doch die sind knapp, wieder andere irgendwo auf Couches bei Kollegen in Canary Wharf. Die Solidarität ist groß. Bei Morgan Stanley gibt es auch Duschen und ein paar Liegen in den Büros. Doch da wird kaum jemand bleiben. Die Lage an den Märkten hat sich gegen Abend wieder normalisiert. Und Morgan Stanley ist ein globales Unternehmen. Wenn in London der Abend anbricht, können die Kollegen in New York die Staffel übernehmen, und danach die in Fernost.