Ausgerechnet eine Große Koalition zwischen CDU und SPD könnte das Ergebnis von Neuwahlen im September sein – die doch vom gegenwärtigen Bundeskanzler just deshalb angestrebt werden, weil er weder mit seiner SPD noch mit der den Bundesrat beherrschenden CDU die Reformpolitik verwirklichen kann, die ihm vorschwebt. Und doch wird die Große Koalition nach einer Bundestagswahl im Herbst die Regierung bilden, wenn die Mehrheitsverhältnisse im Parlament nichts anderes zulassen, dann nämlich, wenn SPD, Grüne und Linkspartei zusammen stärker sind als CDU und FDP. Dann müssten zumindest Gerhard Schröder und Franz Müntefering ihre Ankündigung wahr machen, auf Bundesebene die Zusammenarbeit mit der "merkwürdigen Gruppierung am linken Rand" (Schröder) zu verweigern – und es bliebe nur noch das Zusammengehen mit Angela Merkel und Edmund Stoiber.

Zu solchen Mehrheitsverhältnissen könnte es kommen, wenn die neue Linkspartei nicht nur im Reservoir der Sozialdemokraten schöpft, sondern auch dort, wo bislang niemand außer den Rechtsextremisten fündig wurde: unter jenen Nichtwählern, die aus Desinteresse oder Politikverdrossenheit bislang selten oder gar nicht wählen gegangen sind. Viele von ihnen sind erstmals von der neuen Realität staatlicher Sozialpolitik betroffen oder meinen betroffen zu sein. Diese Gruppe der Frustrierten bildet ein Potenzial für die PDS-WASG-Mischung, die nicht nur mit sozialpopulistischer Anbiederung, sondern auch mit einer Sprache, wie sie für die Rechtsextremen charakteristisch ist, im Trüben fischt (was, das müssen Kritiker einräumen, mit scharfer innerparteilicher Auseinandersetzung einhergeht). Gelingt der neuen Gruppierung der Einbruch in diese Schichten bisheriger Nichtwähler, dann verteilen sich die Sitze im kommenden Bundestag zulasten der bisher dort vertretenen Parteien – und eine schwarzgelbe Mehrheit käme womöglich nicht zustande.

Zudem hat die Union einige unpopuläre Maßnahmen angekündigt in der Hoffnung, für diese Ehrlichkeit vom Wähler belohnt zu werden. Das ist riskant, denn gerade für den Umbau des Sozialstaats, den die Union anstrebt, kassiert die SPD zur Zeit sinkende Umfragewerte. Die Ankündigungen der Union könnten sie Wählerstimmen kosten, auf die es möglicherweise für eine schwarz-gelbe Koalition ankäme. Verunsicherte und enttäuschte SPD-Wähler, die inzwischen bei der Union Orientierung gesucht haben, könnten ebenfalls beim Linksbündnis eine politische Heimat finden. Auch dies wären dann Wähler, die am Ende den beiden großen Volksparteien fehlen.

Erfordern die Mehrheitsverhältnisse eine Große Koalition, bekäme der Deutsche Bundestag voraussichtlich eine Opposition aus FDP, Grünen und PDS/Wahlalternative. Allen drei Kleinparteien käme in diesem Fall eine Medienöffentlichkeit zugute, die sie sonst wohl nur in einer Regierungsbeteiligung erhielten. Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine würden dann als führende Oppositionspolitiker in allen TV- und Radio-Kanälen vertreten sein - während eine in sich zerstrittene Union zusammen mit einer nach links gerückten SPD irgendwie Regierung spielen müsste: Eine fatale Aussicht, denn das Schauspiel dürfte die Politikverdrossenheit des Publikums nur steigern.