Beharrlich klaffen seit Tagen die Angaben der Behörden und der Medien über die Zahl der Todesopfer auseinander. Zeitungen sprechen von mindestens 70 Toten, die Behörden zuletzt von über 50. Die Erklärung für die Diskrepanz findet sich tief unter der Erde, in den U-Bahntunneln zwischen Kings Cross und Russell Square. Zum Zeitpunkt der Explosion waren ca. 1000 Passagiere an Bord des Zuges der Picadilly Line. Die engen Tunnel der Linie, kaum breiter als die Waggons selbst, verstärkten die Wucht der Explosion. Deshalb fielen hier, bis zu dreißig Meter unter der Erde, mehr Menschen dem Terror zum Opfer als bei den Anschlägen auf andere Züge.

Bis zum Sonntag wurden 21 Leichen aus dem Wrack geborgen. Mehr liegen noch in den geborstenen, zerstörten Waggons. Die Rettungsmannschaften müssen unter furchtbaren Bedingungen arbeiten: Temperaturen bis zu 60 Grad, der Rauch schwelender Trümmer, Asbeststaub, Körperteile auf den Schienen und der allgegenwärtige Geruch des Todes, der über allem hängt. „Es ist ein gefährlicher, grauenhafter Job“ sagt James Dickie von Scotland Yard. Zumindest besteht die Gefahr nicht mehr, die Tunnelwände könnten einstürzen. Aber es wird Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis diese Verkehrsader Londons wieder befahren werden kann.

Erschwerend für die Rettungs- und Aufräumarbeiten wirkt sich der lange Weg aus, den die Teams einschlagen müssen. Von der Station Russell Square aus beträgt er mehr als 600 Meter. Der Zugang von Kingscross aus ist kürzer, kaum mehr als 150 Meter. Doch versperren entgleiste Waggons den engen Tunnel.

Viele Mitglieder der Rettungsmannschaft hatten zuvor in Asien bei der Tsunami-Katastrophe geholfen. Sie sind also einiges gewohnt. Ein Arbeiter, der sich gestern bis zum Waggon durchgekämpft hatte, in dem der Sprengsatz explodiert war, beschrieb die Szene, auf die er stieß, mit einem einzigen Wort: „Schlächterei“. Ein andere sprach von „der Hölle auf Erden“.

Bevor die Teams daran gehen können, die Berge geborstenen Metalls auf Spezialfahrzeugen abzutransportieren, müssen sie die Leichen bergen. Zugleich hat am Tatort unter der Erde die mühselige, forensische Arbeit begonnen. Die Ermittler hoffen auf Spuren zu stoßen, die vielleicht zu den Tätern führen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn er verloren geht, könnte sich der Albtraum unter der Erde wiederholen.