Jetzt bloß kein Aktionismus!, heißt die stereotype Antwort, die erhält, wer an diesem Freitag in Sicherheitskreisen danach fragt, was die Terroranschläge in der britischen Hauptstadt für die deutsche Gefahrenlage bedeuten. Dann folgen Sätze wie: Unsere Sicherheitskonzepte stehen; wir sind gut vorbereitet; wir tun das Menschenmögliche. Und schließlich: Einen totalen Schutz gibt es nicht.

Die Bomben von London haben niemanden überrascht; hätten es vielleicht auch nicht, wären sie in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf detoniert. "Die Situation ist allen klar", heißt es im nordrhein-westfälischen Innenministerium. Das Land blickt mit einigem Unbehagen in die Zukunft. In sechs Wochen beginnt in Köln der Weltjugendtag der katholischen Kirche. 400.000 ständige Besucher werden erwartet, mehr als 800.000 Menschen sollen zu den großen Messen kommen. Ein Anschlagsziel? Im kommenden Jahr findet die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland statt. 64 Spiele in zwölf Stadien und acht Bundesländern mit Tausenden von Zuschauern: Gibt es eine größere Verlockung für skrupellose Terroristen?

Der Bundesinnenminister rät zu Gelassenheit: "Wir müssen nur auf der Hut sein und unsere Wachsamkeit an der einen oder anderen Stelle erhöhen", sagte Otto Schily (SPD) am Donnerstag. Es könne nicht sein, dass Terroristen vorschrieben, ob es Großveranstaltungen gebe oder nicht. So sehen es auch die Organisatoren der WM und des Weltjugendtages, genauso wie die Polizei: Niemand will vor der terroristischen Gefahr kapitulieren. Und direkte Drohungen gegen beide Veranstaltungen sind ohnehin bislang nicht bekannt geworden.

Dennoch lösen die Ereignisse des Donnerstags in der deutschen Politik sofort die üblichen Reflexe aus. CDU und CSU fordern schärfere Sicherheitsgesetze (beispielsweise eine zentrale Antiterrordatei) und der Fraktionsvizevorsitzende Wolfgang Bosbach will sogar eine Bundestagssondersitzung, weil man jetzt Schutzlücken schließen und damit nicht bis zur nächsten Wahlperiode warten dürfe. SPD, Grüne und FDP halten dagegen die bestehenden Gesetze für ausreichend und sehen "keine Lücken in der Gesetzgebung." Manche lang geplanten Vorhaben erhalten jetzt neue Bedeutung. So beschloss der Bundesrat an diesem Freitag eine Ausweitung der DNA-Analyse zur Strafverfolgung; genetische Fingerabdrücke dürfen von der Polizei öfter genommen und länger gespeichert werden.

Ändert sich also die Gefährdungslage in Deutschland? Nein, sagt Schily, nur die Wahrnehmung verschiebe sich: "Es haben sich die geirrt, die dachten, die Gefahr sei vorüber und es brauche keine klaren und scharfen Maßnahmen zur Abwehr dieser Gefahr mehr." Das Gleiche ist auch von der Gewerkschaft der Polizei zu hören: "Die polizeilichen und gesetzlichen Mittel, die wir haben, sind gut", sagt Gewerkschaftssprecher Rüdiger Holicek. "Nur wenn ein Ereignis wie nun in London weiter zurück liegt, darf diesen Instrumenten nicht gleich wieder der Zahn gezogen werden." Womit er sich unter anderem auf den großen Lauschangriff bezieht und die Frage, wie lange und unter welchen Umständen die Polizei einen Verdächtigen abhören darf.

Dass sich ein Einzelner in einer U-Bahn in die Luft sprengt, dass Terroristen im Nahverkehr oder an öffentlichen Plätzen Bomben deponieren, ist kaum zu verhindern. Für alles andere gibt es Pläne. Welche Strategien, welche Taktiken die Polizei bei so genannten Großereignissen im Detail verfolgt, will - natürlich - niemand verraten. Doch letztlich läuft es immer aufs Gleiche hinaus: Der Verkehr muss gelenkt, Raum für Rettungskräfte muss geschaffen werden. Prominente, in Köln etwa Papst Benedikt XVI., müssen geschützt werden. Uniformierte müssen zur Abschreckung von Störern zu sehen sein; und um das Sicherheitsgefühl der anderen zu stärken. Methoden werden eingeübt, mit denen Panik in Menschenmassen verhindert werden kann. Zivile Polizisten mischen sich unters Volk und erkennen vielleicht potentielle Gewalttäter. Für den Katastrophenfall haben Rettungskräfte und Polizei bei Köln schon mehrfach große Übungen abgehalten.

Dann ist da noch eine Vielzahl technischer Methoden, von denen einige verstärkt diskutiert werden. Neue Computer- und Kommunikationsnetze sollen beispielsweise in den Stadien der WM für einen schnellen Informationsfluss sorgen. Moderne Kamera- und Videotechnik liefert über 120 Meter Entfernung bestechend klare Bilder von einzelnen Personen. Die Tickets der WM werden mit Funkchips versehen. Biometrische Methoden sollen es erlauben, Menschen schnell zu identifizieren. Ob der Einsatz solcher Techniken hilft, Straftaten zu verhindern, ist allerdings umstritten. Das britische Innenministerium hat beispielsweise untersuchen lassen, ob die in großer Zahl in London eingesetzten Kameras wirklich mehr Sicherheit bringen. Das Ergebnis: Die Kriminalitätsrate in den überwachten Gebieten sank praktisch gar nicht - und wenn doch, "dann lag es meistens nicht an den Kameras". Immerhin seien Täter durch die Aufnahmen besser zu identifizieren.