In einem Stall ist das Kind geboren, auch dieses. Natürlich umgeben von Vieh. Das ge-schah am fünften Tag des fünften Monats des Holz-Schweine-Jahres, im tibetischen Dorf Taktser unweit der Seidenstraße. Das Kind im Stall, Lhamo Thondup, war eines von sieben, neun weitere Geschwister überlebten nicht. Nachdem die zuständigen Experten in ihm eine Reinkarnation erkannt hatten, huldigten die Mächtigen dem Kind mit kostbaren Geschenken, einem roten Tretauto etwa und einer Spielzeugeisenbahn.

Als lächelnder Botschafter des Friedens, den fast jedes Kind der Welt kennt, wird der Mensch nun 70 Jahre alt. Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso, Seine Heiligkeit, der 14.Dalai Lama. Ein einfacher Mönch, einer der schillerndsten Mediensuperstars weltweit, zugleich die politische Ohnmacht in Person. Ein charismatischer Prediger des Altruismus, der Buddha seinen "Boss", der Willy Brandt einen guten Politiker nennt und sich selbst einen "halben Marxisten". Höchstens einen halben. Der maßgebliche Rest, all dies erzählt Christian Schmidts einfach glänzende Reportage im Bildband Unterwegs zum Frieden , ist Buddhist.

Er ist alles zugleich. Träger des Friedensnobelpreises und doch kein Pazifist, von früh an ausgebildet in buddhistischer Philosophie, Metaphysik und zugleich ein Kenner der modernen Physik, ein politischer Flüchtling und zugleich ein hofierter Bürger der Welt, ein Wundergläubiger und zugleich ein regelmäßiger Besucher im Mind and Life Institute, in dem die avancierte Neurologie das Bewusstsein im Labor untersucht. Er ist ganz arm und ganz reich: als exilierter Repräsentant des von China besetzten Tibet ist er ein wenig Märtyrer und als Bewohner eines Palastes im benachbarten Indien zugleich eine Art Theokrat. Er liebt, wie er es ausdrückt, Václav Havel und ist befreundet mit Roland Koch, hat auch für den Mitmenschen Saddam Hussein ein gutes Wort einzulegen, George Bush findet er nett, und zum Talk sitzt er bei Beckmann. Morgens um halb vier beginnt er mit stundenlanger Meditation, und wenn er einen Beruf hätte wählen können, so sagt er, dann wäre er Ingenieur geworden.

Während die Widersprüche der Moderne die Seelen der westlichen Welt in Stücke zerreißen und die Globalisierung Abermillionen entwurzelter Menschen um die Erdkugel jagt, ist er alles in einem, ist in seiner Einfalt die "geeinte Vielfalt", die Europa gern sein möchte, ist die Ruhe der Seele, und er lächelt dazu. Der Mann ist so einwandfrei, dass er für jeden was hat. Und weil seine Religion ohne Schuld, ohne strittigen Messias, ohne den einen Gott und seine weltliche Geschichte auf Erden, ohne die Kirche auskommt, steckt in ihr die Verheißung, allerhand theologischen Ballast, allerhand Religionsgeschichte abwerfen zu können, um individuell zu dem gelangen, was der Dalai Lama den Kern aller Welreligionen nennt: zum Liebesgebot.

Er ist die "geeinte Vielfalt", die Europa gern sein möchte

Irgendwann, zwischen seinen Auftritten in überfüllten Eissporthallen, auf Freilichtbühnen und Kirchentagen, schreibt dieser weise Weltreisende auch zahllose Bücher, veritable Ratgeber, die jeden zum Therapeuten seiner selbst machen wollen. Sie heißen alle irgendwie in Variationen Anleitungen auf dem Weg zur Glückseligkeit , und sie möchten den Geschundenen, den Frustrierten, den Erschöpften mitteilen, wie man durch Meditation den inneren Frieden findet und die Liebe zum Nächsten.

Das muss man üben. Das kann man lernen. Das geht ohne Mission, ohne Gnade. An sich arbeiten, das kann jeder. Verändere dich selbst, und du veränderst die Welt – das ist eine weiche Variante des harten kapitalistischen Gebots, ein jeder sei seines Glückes Schmied, und das bedeutet zugleich die Erlösung von der psychoanalytischen Mühsal, die eigene Geschichte mit Hilfe eines anderen aufklären zu müssen, um sich verändern zu können.

Das ist eine Art Ich-AG auf Buddhistisch, mit dem Ziel, Selbstliebe in Altruismus zu verwandeln: "Es braucht keine Tempel und keine komplizierte Philosophie. Der eigene Geist und das eigene Herz sind der Tempel. Und die Philosophie heißt: ›Einfache Güte und Freundlichkeit‹". Bestechend. Oder banal. Es beschleicht einen die brechtsche Ahnung, dass in solcher komplizierten Schlichtheit die Kraft des steten Tropfens steckt, der den Stein höhlt, während es Europa noch gern mit dem Presslufthammer versucht.