Der Terroranschlag von London gehört zu den merkwürdigsten Ereignissen der jüngeren Zeit. Wohl verstanden: Nicht um seiner selbst willen! So gesehen handelt es sich nur um gemeinen Mord – gemein im doppelten Sinne: Widerlich – aber eben auch gewöhnlich, so „normal“ wie niederträchtige Verbrechen nur sein können. Und es auch immer waren, so lange Menschen leben. Mich beklemmt angesichts der relativen Einfachheit, solche explosiven Verbrechen im Gewimmel einer Großstadt zu planen und zu begehen (zudem angesichts der hohen Verletzlichkeit eines sozialen Phänomens wie Metropolenstadt), dass solche grauenhaften Taten doch - verglichen allein mit den schieren Möglichkeiten - so vergleichsweise selten geschehen.

Nein, das Merkwürdige, das Bemerkenswerte liegt eher in der Wahrnehmung des Verbrechens von London begründet. Es ist ja nicht alles Gelassenheit, was die Briten da an den Tag legen, und selbst dort, wo sich das ereignet, was wir so leichthin Gelassenheit nennen, handelt es sich eher um grimmige Entschlossenheit: Nicht, dass es da keine Angst, Sorge und Wut gäbe! Aber es regiert die Entschlossenheit, sich davon nicht in seiner Lebensweise umwerfen zu lassen.

Nun kann man das eine oder andere anführen, was die Atmosphäre in London im Besonderen prägt, die lange Erfahrung mit dem irischen Bürgerkrieg und dem IRA-Terror, der ja auf seine Weise auch in London zugeschlagen hatte, auf den Selbstbehauptungswillen der Insulaner, die jedenfalls in den oberen Mittelklassen stilisierte „Sportlichkeit“, zu deren sozialen Codices es eben gehört, Widrigkeiten des Lebens, Vorfälle der Unfairness und Gemeinheit mit einer „steifen Oberlippe“, also ohne gezeigte Seelenregung zu quittieren (und sei es mit hartem militärischen Zurückschlagen und durchaus entschlossenem polizeilichen Handeln) – und was dergleichen mehr sein mag.

Wichtiger aber ist die Haltung insgesamt: die Entschlossenheit, sich vom Terror (möglichst) nicht – terrorisieren zu lassen! Denn der Terror besteht stets aus zwei Komponenten – aus dem Verbrechen selber (das ja auch aus der – rein kriminalistisch betrachtet! – langweiligen Laubsägearbeit eines vierfachen, zeitnahen Zündens von Sprengsätzen bestehen kann) und aus der Wirkung auf die Psyche der Zeitgenossen der getöteten Opfer. Wenn ein Soziotop wie die englische Nation diese – geplante – psychische Reaktion verweigert (anders übrigens als die US-Gesellschaft, soviel zur Gemeinsamkeit der angelsächsischen Völker), bleibt der Terror zwar immer noch ein gemeines Verbrechen – aber eben doch auch nur ein gemeines, ein gewöhnliches; es gelingt ihm dann nicht, sich zu einer politischen Mega-Tat aufzugeilen.

Das ist der Punkt, aus dem nun zu lernen wäre – auch bei uns. Übrigens gehört es zu dieser Entschlossenheit, sich dem Terror gewissermaßen aus Gewissensgründen zu verweigern, dass man sich in der Gesellschaft und in der politischen Klasse nicht spalten lässt, schon gar nicht unter terroristischem Druck. Weder würde es englischen Politikern einfallen, jetzt die eigenen Soldaten aus dem Irak zurückzuziehen, auch wenn sie im Einzelfall von Anfang an gegen den Krieg waren, noch würde man sich einander der Nachlässigkeit in Fragen der inneren Sicherheit verdächtigen, gar des mangelnden Patriotismus, der nationalen Unzuverlässigkeit.

Es macht also durchaus einen Unterschied aus, wo ein Terroranschlag stattfindet – nicht wegen seines gleichförmigen Ablaufes, sondern wegen seiner höchst unterschiedlichen Wirkung. Vielleicht, nein: bestimmt gehört auch dies zum richtigen, erfolgreichen „Krieg“ gegen den Terrorismus: dass man sich von den Gegnern nicht außer sich selbst bringen und treiben lässt. Damit allein stoppt man nicht auf der Stelle die Täter, aber seine Wirkung - und deshalb, weil die Wirkung zur Tat gehört wie das Wasser zum Fisch, letztlich auch den Terrorismus.