Am Wochenende fällt die Entscheidung, dann werden wohl auch die Mitglieder der PDS den Handschlag zwischen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine besiegeln. Die vereinte Linke hat gute Aussichten, in den nächsten Bundestag einzuziehen und Grüne wie FDP zu überflügeln. Schon lädt dies zu allerlei Sandkastenspielen ein: Entsteht eine rot-rosa-grüne Mehrheit, die Angela Merkel die schwarz-gelbe Kanzlerschaft vermasselt? Sind SPD und Union etwa zur Zwangsehe verdammt? Die wirklich wichtige Frage aber geht dabei unter: Braucht das Land dieses Bündnis aus PDS und WASG?

Vorweg, auch Berlin ist nicht Weimar. Eine neue kräftige Partei links von der Sozialdemokratie wird zwar die Fundamente der Volkspartei SPD erschüttern, aber nicht die Republik. In Skandinavien regiert man recht erfolgreich mit Absplitterungen auf der Linken wie der Rechten.

Aus lichten Höhen betrachtet, mag die vereinte Linke sogar ein Gewinn sein. Eine Partei, die den deutschen Wohlfahrtsstaat allen Anfechtungen zum Trotz ausbauen will, verschafft den Wählern eine weitere Alternative und sorgt damit für größere Unterscheidbarkeit und Auswahl. Vielleicht stimmt es auch, dass eine SPD, eingeklemmt zwischen linken und rechten Parteien, wieder in die Mitte marschieren und sich dort Koalitionspartner auf allen Seiten suchen könnte.

So weit die abstrakte Theorie. Die Wirklichkeit aber schaut bitter aus, da verliert die vereinte Linke jeden Glanz. Der Zusammenschluss von PDS und WASG ist nicht mehr als ein Bündnis der Gestrigen mit den Vorgestrigen. Alle Vergleiche mit linken Neugründungen hinken, von der USPD Ende der zwanziger Jahre bis zu den Grünen Anfang der Achtziger.

Damals organisierten sich ungeduldige junge Menschen, die um ihre Zukunft bangten und deshalb etwas verändern wollten. Heute versammeln sich mehrheitlich in die Jahre gekommene Besitzstandswahrer und Realitätsverweigerer, die zurück – nicht nach vorn marschieren wollen. Man wünschte sich die Linke wirklich intelligenter und herausfordernder, aber ihre Botschaft lässt sich leider in die sehr platte Formel pressen: Weniger Arbeitszeit und höhere Löhne – die Reichen zahlen!

Angesichts günstiger Wahlprognosen finden nun 16 Jahre nach dem Fall der Mauer auch Linke Ost und Linke West zueinander. Es ist keine Liebesheirat, sondern eine reine Zweckehe. Doch so unterschiedlich ihre Vergangenheiten und Überzeugungen auch sind, sie vereinen sich in einer gemeinsamen rückwärtsgewandten Utopie: Beide wollen die Umstände retten, unter denen sie, jeder für sich, einst glücklich zu sein glaubten. Im Osten fühlte man sich vom Staatssozialismus, im Westen vom Sozialstaat bestens umsorgt.

Weder PDS noch WASG haben begriffen, dass sich seit 1989 die Produktionsbedingungen radikal verändert haben und die Sicherheitszäune außerhalb und innerhalb Deutschlands endgültig eingerissen sind. Es lassen sich in der globalisierten Welt keine Mauern mehr aufbauen, schon gar nicht mit dem Versprechen, dahinter werde das Leben wieder besser und behaglicher.

Die PDS müsste es eigentlich wissen, sie regiert gemeinsam mit der SPD zwei bettelarme Bundesländer und trägt dort Verantwortung für harte Sparprogramme und einschneidende Privatisierungsmaßnahmen. Doch: Psst, sagt bitte niemand, dass wir in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern mit von der Partie sind! Mit Rücksicht auf einen verlockenden Platz im Bundestag verschweigt man besser die bitteren Erfahrungen mit der Wirklichkeit. Wahrheiten könnten die Wähler nur verschrecken.