Heute vor 60 Jahren, am 16. Juli 1945, explodierte die erste Atombombe. Diesem oberirdischen Trinity-Test in der Wüste bei Alamogordo folgte drei Wochen später die Vernichtung der beiden japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Der Vernichtungsangriff schickte Hunderttausende Menschen in den Tod. Die Vereinigten Staaten, die in jenen Wochen zusammen mit Großbritannien und der Sowjetunion den Faschismus und Nationalsozialismus besiegten, luden damit schwere Schuld auf sich, denn das faschistische Japan hätte nicht nur auf diese entsetzliche Weise endgültig geschlagen werden können. Vieles deutet darauf hin, dass der Einsatz der beiden Bomben vielmehr darauf zielte, die Machtverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg zu beeinflussen.

Die in der Wüste von New Mexico gezündete Testbombe hatte eine höhere Sprengkraft als die gegen Japan eingesetzten. Bombenbauer messen die Leistung ihrer Waffen mit einer besonderen Maßeinheit: Sie vergleichen sie mit derjenigen von chemischem Sprengstoff (genauer: TNT) und sprechen dann von "Kilotonnen" (kT), also tausend Tonnen, oder "Megatonnen", also Millionen Tonnen; gemeint sind immer Kilo- oder Megatonnen TNT. Die Trinity-Bombe hatte 20 kT, die von Hiroshima 13 kT. In den folgenden Jahren wurden Atomwaffen entwickelt, deren Explosionsstärke von wenigen hundert Kilogramm TNT bis zu mehreren Millionen Kilotonnen reicht (also Milliarden Kilogramm TNT).

Dieser Waffentyp hat den Lauf der Geschichte geändert, und zwar in nicht geringerem Maße als das Schießpulver. Die Weltpolitik und damit auch die innenpolitischen Auseinandersetzungen der meisten Staaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind ohne die Existenz von Kernwaffen nicht zu verstehen.

Bereits im Jahre 1945 wurden in den Vereinigten Staaten Stimmen laut, dass diese Vernichtungswaffe die Menschheit an den Abgrund ihrer Existenz führen könnte – es war klar, dass die USA kein Monopol auf Kernwaffen halten konnten. Im Laufe der Jahre legten sich Russland und China, Großbritannien und Frankreich, Indien, Pakistan und Israel Kernwaffen zu. Weitere Länder wie Südafrika, Brasilien und wohl auch Nordkorea kamen sehr dicht an einsatzfähige Nuklearwaffen heran. Höchst problematische Atomprogramme existierten oder existieren noch in Libyen, Irak, Iran und womöglich in Agypten, Syrien und in unterschiedlichem Maße in einer Reihe anderer Staaten.

Um die weltweite Verbreitung von Atomwaffen (Fachbegriff: Proliferation) einzudämmen, wurde 1968 der Atomsperrvertrag unterzeichnet, der lediglich den Atommächten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich den Besitz von Kernwaffen zugesteht, sie zur Abrüstung verpflichtet und dazu, den Nichtkernwaffenstaaten zu helfen, die Kernenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien (IAEA) wurde beauftragt, die nötigen Kontrollen durchzuführen sowie die Hilfe für die Nichtkernwaffenstaaten zu koordinieren. Kommt es zu Konflikten, die innerhalb der IAEA nicht zu lösen sind, wird der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eingeschaltet. Neben diesem Kontrollsystem existieren weitere, die den Export von potentieller Kernwaffentechnik kontrollieren und den Schmuggel mit solchem Material bekämpfen sollen. Außerdem gelten mehrere Abkommen zwischen den Atommächten, die sie zu teilweise drastischem Rückbau ihrer Arsenale verpflichten.

Während der Zeit des Kalten Krieges hat dieses System einigermaßen gehalten. Nach Inkrafttreten des Sperrvertrages sind immerhin nur drei weitere Staaten zu Atommächten geworden: Indien, Pakistan und Israel; der Fall Nordkorea ist bisher unklar. Doch dieser Fall und derjenige Irans, und nicht zuletzt die Entdeckung illegaler Netze der Proliferation zeigen, dass die Kontrollen nicht mehr genügen. Es sind außerdem Laufmaschen-Effekte zu befürchten: Angenommen beispielsweise, Iran legte sich Kernwaffen zu, dann dürfte Israel offiziell erklären, selbst welche zu besitzen (bisher gilt dort eine Politik der „nuklearen Zweideutigkeit“) – das wiederum würden Saudi-Arabien, Syrien, Agypten und womöglich Marokko oder Algerien als Vorwand nutzen, die gleichen Ambitionen zu verfolgen. Ein ähnlicher Ketteneffekt ist in Asien zu befürchten; in der japanischen Rechten beispielsweise wird das Hiroshima-Argument umgedreht: „Nie wieder Hiroshima“ führe zu dem Schluss, dass das Land einen nordkoreanischen nuklearen Aggressor nur mit eigenen Kernwaffen abschrecken könne.

Es ist zwar nicht leicht, aber sehr wohl möglich, sich an der Weltöffentlichkeit vorbei einen Weg zur Atombombe zu bahnen. Zivile Kerntechnik, die ja durch und durch legal ist, lässt sich militärisch umwidmen. Der Fall Nordkorea zeigt: Man kann die Technik mit Hilfe der IAEA entwickeln, sodann die Inspektoren rauswerfen und sich an den Bombenbau machen.