Nach der VW-Affäre wird auch der Chiphersteller Infineon von einem Korruptionsskandal erschüttert. Der für die Speicherchip-Sparte zuständige Vorstand Andreas von Zitzewitz trat am Samstag angesichts laufender Ermittlungen zurück. Der Aufsichtsrat nahm den Rücktritt gestern abend "im Interesse des Unternehmens" schnell an. Von Zitzewitz, der für das Speicher-Geschäft zuständig war, steht im Verdacht, Provisionen in sechsstelliger Höhe bei Sponsoring-Verträgen im Motorsport-Bereich kassiert zu haben. Am Freitag wurden in einer Großrazzia die Infineon-Zentrale und Büros und Privathäuser in Deutschland und der Schweiz durchsucht. Der 45-jährige Manager, der einst am Abgang von Infineon-Chef Ulrich Schumacher beteiligt war, galt als Favorit für den Vorstandsvorsitz bei einem möglichen Börsengang der Speicherchipsparte des Konzerns.

Der Name Infineon lässt so manchen Kleinaktionär immer noch die Fäuste Ballen: Vom Spitzenkurs von mehr als 90 Euro auf dem Höhepunkt der New-Economy-Blase im Jahr 2000 ist die Aktie unter 10 Euro abgeschmiert. Doch messen kann man Infineon allein daran nicht. Der 1999 gegründete ehemalige Siemens-Ableger ist einer der führenden Spieler im globalen Chip-Geschäft und sieht sich zum Beispiel als Weltmarktführer bei Halbleitern für herkömmliche Telekom-Infrastruktur. Das Geschäft in der Branche - zum Beispiel mit Speicherchips - ist jedoch von extremen Schwankungen und Preisverfall geprägt. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete Infineon mit mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz gerade einmal 61 Millionen Euro Gewinn. Schon das wurde als Erfolg gefeiert: In den drei vorherigen Geschäftsjahren hatte Infineon Verluste von rund 2,5 Milliarden Euro angehäuft und tausende Jobs gestrichen.

Von Zitzewitz, der für die Speicherchip-Sparte verantwortlich zeichnete, sowie dem früheren Infineon-Manager Harald Eggers, der nun das Schweizer Technologieunternehmen Unaxis leitet, sowie dem Betreiber der Schweizer Sponsoring-Agentur BF Consulting Udo Schneider werden Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung vorgeworfen, wie die Münchner Staatsanwaltschaft mitteilte. Der 2004 bei Infineon ausgeschiedene Eggers werde ebenfalls verdächtigt, Verträge gegen Zahlungen eingefädelt haben.

Auslöser für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war eine Äußerung Schneiders vor dem Münchner Landgericht während der Verhandlung eines Rechtsstreits zwischen Schneiders Firma BF Consulting und Infineon. Dabei erwähnte er Zahlungen von 300.000 Euro an von Zitzewitz. Auf Grund dieser Bemerkung begann die Staatsanwaltschaft erste Ermittlungen. An der Großrazzia am Freitag waren etwa 100 Staatsanwälte, Polizeibeamte und Steuerfahnder beteiligt.

Von Zitzewitz sei zurückgetreten, um das Unternehmen nicht mit den laufenden Untersuchungen zu belasten und sich voll auf das sich abzeichnende Verfahren zu konzentrieren, teilte Infineon mit. Der Konzern selbst sei nicht Gegenstand der Ermittlungen und kooperiere voll mit den Behörden. Das Engagement im Motorsport sei unmittelbar nach Schumachers ausscheiden 2004 so weit wie möglich beendet worden. "Wir sind ebenso an einer vollständigen Aufklärung interessiert", sagte Vorstandschef Wolfgang Ziebart.

Unaxis-Chef Eggers wollte dem Schweizer Fernsehen zufolge unter Hinweis auf das laufende Verfahren keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen. Eggers, der deutscher Staatsbürger ist, weile derzeit "im Ausland", hieß es in der Schweiz.