So dürfen sich neben den genialen Reportern und brillanten Pressefotografen auch die genialen Setzer und brillanten Drucker, die brillanten Maschinenbauer und genialen Papiermacher, die genialen Vertriebsleiter und brillanten Werber in Mainz gebührend feiern – die brillanten Verleger und genialen Geschäftsführer ohnehin. Bescheiden in den Hintergrund tritt dagegen der Redakteur. Gerührten Blicks lesen wir ein kleines Carmen aus der Zeit der Aufklärung, das auch sein Werk zu würdigen weiß: "Ein Zeitungsschreiber, glaubt es mir, / Ist wahrlich ein geplagtes Tier / Wie keines unterm Mond! / Der Esel selbst ist besser dran, / Er bleibt doch, kömmt der Sonntag an, / Mit seinem Sack verschont. // Nur uns, uns armen Schelmen läßt / Man weder Ruhetag noch Fest, / Da geht es stets hott! Hott! / … / Den alten Jammertrott."

"Adolf Hitler hat das Beste für sein Volk gewollt"

Nur zu wahr. Sogar am 1. Mai hockt mancher in der Redaktion, wie am 1. Mai 1945 der Hauptschriftleiter der Hamburger Zeitung Hermann Okraß in seinem Stübchen im halb zerstörten Pressehaus am Speersort 1. Ein Nachruf muss noch vollendet sein. Adolf Hitler ist tot, stellt der Leitartikler ergriffen fest. "Er ist kämpfend gefallen. Er blieb sich selbst getreu. Er hat das Beste für sein Volk gewollt, und darum hat es ihn auch so sehr geliebt. Wir wissen, daß er weiterleben wird in unseren Landen, nicht wie ein Kriegsheld, sondern wie ein Kind des Volkes, dessen reines Wollen das Volk verstand und dessen schönstes Wort uns Vermächtnis bleiben wird, das Wort, in des Volkes tiefster Not sein Volk mehr zu lieben denn sich selbst."

Also, auch das. Auch das kommt vor in Mainz, Hochleistungsjournalismus jenseits der Ekelgrenze, aber vielleicht doch ein bisschen zu kurz. Denn den großen Oppositionellen entsprachen die großen Opportunisten, den großen Kritikern die großen Gläubigen. Wie es ja durchaus Zeitungen gab und gibt, deren Geschäft nicht die Aufklärung, sondern die Mission ist. Oder eben das Geschäft. Ein bedeutender Verleger, der übrigens Mission und Geschäft perfekt miteinander verband, bekannte einst, er müsse oft weinen wie ein Krokodil, wenn er morgens sein erfolgreichstes Blatt aufschlage.

Am Ende betritt der Besucher selbst die Bühne, der Endverbraucher, das Marktsegmentfragment, der Leser. Im letzten Teil der Schau sehen wir, dargestellt von Meistern wie Daumier oder Menzel, alle Stadien der Wirkung und Erregung durch Zeitungslektüre, vom gesunden Schlaf bis zur fanalen Wut. Immer wieder eine Freude, Thomas Majors Brouwer-Stich vom lesenden Landmann aus dem Jahr 1747 wiederzubegegnen: Wie der das Blatt schier ablecken möchte vor Zeitungswonne! Food for the Soul (Seelenspeise) ist der Titel.

Die Strukturen der Öffentlichkeit sind wohlbekannt, dürfen nicht fehlen und werden durch Parkbank und Kaffeehausstuhl versinnbildlicht. Undenkbar eine Welt ohne freie Lektüre im Freien! Nur ein allerletzter Leseort verweist uns zurück ins Private. Es ist, in einer stillen Nische, jener Keramikthron mit Wasserspülung, auf dem der Leser immer König bleibt; im Übrigen ebenfalls ein Ort, an dem, im Notfall aller Fälle, das E-Book die Zeitung niemals ersetzen kann.