Ich stehe persönlich in der Schuld des neuen Audi A3 Sportback. Da fällt es nicht ganz leicht, hier die gebotene kritische Sachlichkeit an den Tag zu legen. Wir hatten Karten zu einer Aufführung des Elias von Mendelssohn Bartholdy im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Da kommt man nicht gern zu spät, erst recht nicht, wenn eine liebe Verwandte auf der Bühne steht. Am Höhepunkt des Oratoriums prangert der Prophet Elias das gottlose Volk an: "Weh ihnen, daß sie von mir weichen! Sie müssen verstöret werden, denn sie sind abtrünnig von mir geworden. Weh ihnen!" Etwa so hätte die Schwiegermutter auch über uns gedacht, wenn wir nicht pünktlich auf unseren Plätzen gesessen hätten.

Es ist nicht so gekommen. Wir haben es in letzter Minute geschafft. Und das haben wir nicht zuletzt den 140 PS des A3 2.0 TDI zu verdanken. In meiner Alltagsidentität als gesetzestreuer Minivanfahrer hätte ich für die Strecke vom Berliner Westend bis zum Gendarmenmarkt gut 25 Minuten benötigt. Dank der 320 Newtonmeter des A3 ließ sich die Fahrzeit auf etwas mehr als zehn Minuten verkürzen. Auf der Straße des 17. Juni, der langen Geraden durch den Tiergarten, wurden kurzzeitig 160 Stundenkilometer möglich. Sie fühlten sich an, ich schwöre es, wie höchstens 80. Der A3 sprach auf die leiseste Pedalbewegung an. Meine Heidenangst davor, die Schwiegermutter zu enttäuschen ("Weh ihnen! Weh ihnen!"), wurde ohne Umweg direkt auf das Fahrwerk übertragen.

Der neue A3 wirkt auf andere Kompaktsportwagenfahrer unweigerlich herausfordernd. Im Fall unseres Testwagens konnte ein Golf-GTI-Fahrer nicht widerstehen. Es war ihm auch durch aufwändige Mimik und Gestik nicht begreiflich zu machen, dass wir kein Duell, sondern einfach nur schnell ins Konzert wollten. Er hielt unsere Raserei für eine gezielte Provokation und zog mit aufjaulendem Motor an uns vorbei. Wegen des besonderen Wettbewerbsgeistes vieler Kompaktklassefahrer sei jedem Interessenten geraten, beim A3 auf ausreichende Motorisierung zu achten. Es müssen nicht die 250 PS des 3.2 V6 sein. Wer nur pünktlich ins Konzert will und dabei nicht auf die Möglichkeit verzichten möchte, lästige Möchtegernrennfahrer auf die Plätze zu verweisen, ist mit dem 2-Liter-Turbodiesel schon auf der sicheren Seite.

Der Audi A3 Sportback verkauft sich bereits sehr gut. Vielleicht hat das damit zu tun, dass er ein ausgeklügeltes Mischwesen ist, das viele Möglichkeiten offen lässt – ein Auto für Unentschiedene. Denn existenziell unentschieden sind heute viele. Sie träumen zwar davon, sich irgendwie festzulegen. Wie merkwürdig: Die Träume sind heutzutage konservativ – feste Stelle, Ehe, Familie, Kinder. Der Alltag hingegen ist von einer oft unfreiwilligen Flexibilität geprägt. Beruflich und privat bleibt man beweglich, oft bis es zu spät zum Festlegen ist. Der A3 ist ein Auto für diese Lebensweise.

Er hat die Außenmaße und die Gestalt eines Coupés und doch fünf Türen. Man gleitet in ihn hinein wie in einen Sportwagen. Man sitzt tief und angenehm hart in den sportlichen Sitzen. Aber wenn man möchte, kann man hinten durch Umklappen der Rücksitze eine Riesenladefläche von Kombiformat entstehen lassen. Der Kofferraum hat das Maß zweier Golftaschen. Die Rücksitze sind aber auch mit zwei Kindersitzen aufrüstbar.

Ich habe den A3 mit drei Kindern ausprobiert. Selbst das funktioniert. Man fühlt sich verwandelt, als wäre man sein eigener jüngerer Bruder, der nur am Sonntag gelegentlich die Kinder betreut und sich einen Spaß daraus macht, sie allesamt dort unterzubringen, wo sonst ein Snowboard oder ein Mountainbike Platz findet.

Das Design des A3 Sportback ist auf eine subtile Weise androgyn. Von vorn zeigt er das aggressiv männliche Gesicht der großen Audis mit dem trapezförmigen Kinn des "Singleframe"-Kühlergrills. Der "optische Schwerpunkt" allerdings zeigt sich im Blick auf die rundliche Hinterpartie, das "kraftvolle Heck" (Audi-PR). In anderen Worten: Dieses Auto, das seine "maskuline Sportlichkeit" vorn durch den "abgesetzten Schwellenbereich" betont, lässt sich auch gern auf den Hintern (Sportback!) schauen. Der A3 ist ein metrosexuelles Auto, das Männern und Frauen gefallen will. Allerdings wird diese Kühnheit durch die Audi-typische Solidität der Verarbeitung aufgefangen. Mattes Aluminium rahmt die Instrumente und die Luftdüsen. Der Ur-A3 war der Pionier der hochwertigen Kompaktwagen. Er ist eine kerneuropäische Auto-Idee, das Gegenmodell zum Protzentum der SUVs und Hummer: Für das schöne Geld, das ein A3 kostet, könnte man leicht schon ein pompöseres Auto haben. Der A3 überzeugt aber nicht durch Masse, sondern durch sorgfältige Verarbeitung, ausgetüftelte Technik und schlichte Eleganz. Mit dem Sportback hat Audi seinem A3 nun eine neue Form gegeben, die in ihrer vornehmem Reduziertheit unmittelbar klassisch wirkt. Wer die elegante Linienführung, die fein abgestimmten Materialien im Innern auf sich wirken lässt, glaubt sofort, dass hier acht Designer fünf Jahre ihres Lebens investiert haben (PR-Material). Was man allerdings kaum fassen kann, ist die Tatsache, dass das nahezu vollendete Auto in Zeiten des Feinstaubs ohne serienmäßigen Rußpartikelfilter auf den Markt kommt.