Diese Musik öffnet keine Schubladen, sie kennt kein Alt/Jung, kein Wie-der-wiedie-wie-das. Diese Musik ist auf unheimliche Art zeitlos, ohne abgeklärt zu sein. Sie ist wild, gedankenverloren und fest. Der Saxofonist Wayne Shorter spielt Jazz in seiner reinsten Form, da er - radikal im Alter - alle Grenzen ablehnt und nur Musik schaffen will. Beyond The Sound Barrier heißt das neue Album des 73-Jährigen, und es ist verwegen zu nennen, wo sein Spiel zu Art Blakeys, zu Miles Davis', zu Weather Reports Zeiten klassisch zu hören war. Der Hinweis Recorded live November 2002 - April 2004, North America, Europe and Asia erklärt dann fast wie nebenbei die Welt zu seinem Ort. Die Themen kommen aus dem Überall, eine harmonisch offene Einleitung des Pianos von Danilo Perez, erdige Basstöne von John Patitucci, ein unvermittelter Einschlag der Trommeln von Brian Blade, bis das spitze Sopransaxofon sich seinen Weg sucht. Klar ist die Intonation, präzise und beweglich tanzen die Töne.

Vielleicht ist das äußere Bild Wayne Shorters auch Abbild. Mit der statuarischen Präsenz eines John Coltrane steht er auf der Bühne, im Interview bleibt er von einer undurchdringlichen Freundlichkeit, die keine Risse zulässt, durch die man ins Innere der Person, ins Private der Musik sehen könnte. Dass Wayne Shorter Buddhist ist, könnte man fast vermuten, da gibt es keine guten Geschichten, die ihn näher rückten. Man muss sich fallen lassen in diese Musik, offen, sitzend (nicht lümmelnd), muss ihm freie Hand geben, wenn er die Form auflöst und damit zugleich neue Form schafft.

Smilin' Through, ein Filmthema von Arthur Penn breitet er über elf Minuten aus, On Wings Of Song von Felix Mendelssohn, dann das vertraute Joy Rider, dazu vier neue Kompositionen, in ein Quartett eingebunden, das inzwischen zu den großen Combos des Jazz zählt. Verwoben laufen die Themen, von Klangsplittern des Saxofons wie von harmonischen und melodischen Vektoren geleitet, mit denen schon Miles Davis seinem Quintett in den siebziger Jahren den Raum öffnete und zuwies. Nur manchmal führt die neue Freiheit in die Kälte. Wenn man sich ausruhen möchte auf einer Melodie, in Wiederholung wohlig versinken, dann entgleitet einem die Musik, dann fordert der Buddhist Haltung.

Wayne Shorter Quartet: Beyond The Sound

Barrier (Verve Music 0602498 812815)