Nach Schulschluss plaudert Sarah Hieber noch ein bisschen mit ihren Freunden, bevor sie sich am Nachmittag an die Hausaufgaben setzt

Das Gummibärchen stirbt um 8.15 Uhr. Es ist kein stiller Tod. Es brodelt, zischt und raucht. Eine knallrote Flamme lodert aus dem Reagenzglas. Auch der letzte Schüler ist jetzt wach und schaut betroffen durch die Schutzbrille auf das verbliebene Häufchen Kohlenstoff.

Herr Paul, der Chemielehrer, weiß, dass in der ersten Stunde was passieren muss, sonst dämmern die Schüler wieder weg. Seit über dreißig Jahren kennt Manfred Paul die müden Gesichter in morgendlichen Klassenzimmern. So lange ist er schon Lehrer. Seit 25 Jahren unterrichtet er an der Hauptschule Aretzstraße in Aachen, vor elf Jahren wurde er ihr Schulleiter.

Eine Schönheit ist seine Schule nicht. So fällt sie nicht besonders auf im glanzlosen Osten Aachens, in einem Stadtteil, in dem Asylanten- und Obdachlosenheime dicht beieinander liegen, die Drogenszene in direkter Nachbarschaft. Es gibt so wenig Arbeit hier, dass in vielen Familien die Kinder die Einzigen sind, die morgens das Haus verlassen. Kurdische, arabische, russische und afrikanische Familien bestimmen das Straßenbild. Selbst die Türken ziehen weg, weil ihnen die Mischung im Viertel zu bunt wird. Manfred Paul gehört an seiner Schule zur deutschen Minderheit von 20 Prozent. Seine 450 Schüler kommen aus 35 Nationen.

Wer fleißig lernt, bekommt eine Kinokarte

Manche von ihnen sprechen kein einziges Wort Deutsch, wenn sie in die Aretzstraße kommen, etliche haben auch in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben gelernt. Für sie gibt es die Alphabetisierungsklasse an der Ganztagshauptschule, die einzige in Aachen. Chinesen sitzen hier neben Irakern, Polen neben Russen. In den ersten Tagen versuchen sie mit weit aufgerissenen Augen in der Mimik ihrer Lehrerin zu lesen. Irgendwann werden daraus Wörter, Sätze, Geschichten. Es folgt die Internationale Förderklasse, in der Wortschatz und Grammatik trainiert werden. Dann, nach ein bis zwei Jahren, versucht man die Integration in die Hauptschulklassen. Ob die Schüler den Anschluss schaffen, zeigt sich im ersten Zeugnis, spiegelt sich später in ihrem Schulabschluss.

Das Lernen in der fremden Sprache bleibt für viele die schwierigste Herausforderung. Und am Ende sind sie es, die das Leistungsniveau der gesamten Schule nach unten drücken, egal, ob bei Pisa oder den nordrhein-westfälischen Lernstandserhebungen in Klasse neun. Zwar hat man Manfred Paul bei Letzteren den Bonus des "Standorttyps I" zugebilligt – schwieriges Einzugsgebiet –, aber am Ende kommt in der Öffentlichkeit nur eine Botschaft an: Besonders "erschreckend" seien einmal mehr die Ergebnisse der Hauptschüler gewesen. "Jeder vierte hatte Schwierigkeiten, einfache Texte zu verstehen", stand in den Zeitungen. Von den 80 Prozent der Kinder, die aus Migranten-, Flüchtlings- und Aussiedlerfamilien stammen, schrieb niemand etwas.

"Dabei haben meine Schüler alles gegeben, damit ihre Schule gut abschneidet", sagt Manfred Paul. "WIR sind noch lange nicht am Ende" heißt das von Schülern entwickelte Schul-Motto. Ein selbstbewusster Aufschrei gegen alle, die Hauptschülern nichts zutrauen und sie von vornherein zu Verlierern machen.