Als er überlegte, Lehrer zu werden, war klar, dass für ihn nur eine Hauptschule infrage kam. "Tief in meinem Herzen bin ich Sozialarbeiter, zum Lehrer musste ich erst noch finden", erinnert er sich. Heute weiß er, dass sich beides wunderbar ergänzt. Trotzdem kämpft er jeden Tag um die Balance zwischen Bildungsauftrag und Großfamilien-Idylle.

"Ich habe nichts gegen das Sichwohlfühlen, aber die andere Seite muss auch stimmen." Die andere Seite: Leistung, Noten, Schulabschlüsse. Am Ende wird Pauls Arbeit daran gemessen. Dann liegen bei den Ausbildungsbetrieben fünf Zeugnisse auf dem Tisch, und wenn der Hauptschüler das schlechteste hat, bekommt der Konkurrent von der Realschule die Lehrstelle.

"Wir haben unheimlich angezogen", sagt Paul. Schulabschlüsse werden bei ihm nicht verschenkt. Deutsch, Mathe, Englisch – die Hauptfächer werden täglich unterrichtet. Dazu zwei Stunden Förderunterricht in Deutsch pro Woche. Physik, Biologie, Chemie gibt es vom nächsten Schuljahr an blockweise, an zwei aufeinander folgenden Tagen. Damit entspricht Paul den Erkenntnissen zum effektiven Lernen des Neurobiologen Manfred Spitzer – und hofft, besser gegen das Vergessen ankämpfen zu können. Um fächerübergreifende Denkprozesse auszulösen, wird der Rektor am naturwissenschaftlichen Projektunterricht festhalten – obwohl es zu den ersten Amtshandlungen der neuen schwarz-gelben Regierung in Nordrhein-Westfalen gehörte, diesen wieder rückgängig zu machen. "Das ist mir egal", sagt Paul. Von Erlassen lässt er sich längst nicht mehr beeindrucken. Auch nicht von politischen Koalitionen. Am Ende kommt es auf ihn an. Wenn es darum geht, ob einer seiner Schüler den Anschluss ans Leben schafft oder aussteigt, ist er meist sehr allein mit seinen Entscheidungen.

Die Autonomie der Schulen geht ihm nicht weit genug. Er will seine Mitarbeiter selbst einstellen, selbst entlassen können. Es macht ihn wütend, wenn alles so langsam vorankommt, die Ergebnisse ausbleiben. Es gibt Momente, da weiß selbst Paul nicht mehr, woher der Dampf kommen soll.

"Zuerst muss man den Lehrer ändern, bevor man die Methoden ändert", lautet eine zentrale Erkenntnis des Rektors. Lehrer, die die alleinige Herrschaft über das Wissen beanspruchen, sich als Patron vor der Klasse präsentieren, seien schwer zugänglich für Gruppenarbeit oder Stationenlernen. Um die neuen Methoden trotzdem in der gesamten Schule einzupflanzen, setzt Paul auf ein "Inselsystem" – ein Lehrer fängt an, die anderen ziehen (hoffentlich) nach. Befehlen kann Paul nicht, nur drängen und unerbittlich nachhaken.

"Berufs- und lebenstauglich" will er die Schüler aus der Aretzstraße entlassen. Nur rund dreißig Prozent seiner Schulabgänger bekommen eine Lehrstelle. Der Rektor redet mit Firmen, organisiert Praktika und Ausbildungspatenschaften. Doch bei allem Engagement bleibt für viele Schüler die Schülerfirma "Tu was GmbH" (Gib mir berufliche Hilfe) auf lange Sicht der einzige Arbeitgeber. Hier proben sie den Ernstfall, der für die meisten nicht eintreten wird. Sie machen alte Schrotträder fit, streichen Wände, mähen Rasen, helfen bei Umzügen, erledigen Kopierarbeiten. Sie erfahren, wie gut es tut, sein Geld selbst zu verdienen, aber auch, wie lange es dauert, bis das Geld für eine Schachtel Zigaretten zusammenkommt.

Was Manfred Paul Hoffnung macht, sind der Eifer und der Ehrgeiz, mit dem sie bei der Sache sind. Die gleichen, die morgens im Unterricht fast einschlafen, sind abends um sechs enttäuscht, wenn die Werkstätten zugeschlossen werden und die Schule endgültig aus ist. Ein paar Überstunden hätten sie schon noch gemacht.