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DIE ZEIT: Herr Minister, Bayern gilt seit der ersten Pisa-Studie als Deutschlands Klassenprimus; die Schüler sind Spitze in Lesen und Mathematik. Aber mit der Gerechtigkeit hapert es an Ihren Schulen.

Siegfried Schneider: Inwiefern?

ZEIT: Die Chance eines Facharbeiterkindes, nach der Grundschule auf das Gymnasium zu wechseln, ist sechsmal kleiner als die eines Akademikerkindes – wenn beide gleich intelligent sind und gleiche Leistungen bringen. Nur Schleswig-Holstein ist noch ungerechter.

Schneider: Sie haben nur dann Recht, wenn Sie Gerechtigkeit auf die Wahrscheinlichkeit reduzieren, mit der ein Kind auf das Gymnasium übertritt. Aber das Gymnasium ist nicht alles. Wir schaffen Gerechtigkeit auf einem anderen Weg: Gute Haupt- und Realschüler können über Aufbaubildungsgänge das Fachabitur erlangen. Inzwischen kommen 42 Prozent der Studienanfänger in Bayern nicht vom Gymnasium, sondern von Fachoberschulen oder Berufsoberschulen.

ZEIT: Trotzdem bleibt es ungerecht, wenn so stark nach Herkunft statt nach Leistung selektiert wird.

Schneider: Es wird ja nach Leistung ausgewählt. Wenn ein Schüler am Ende der Grundschule einen Notendurchschnitt von mindestens 2,33 erreicht und die Eltern es wollen, dann kommt das Kind aufs Gymnasium. Wenn der Schnitt nicht reicht, gibt es zusätzlich die Möglichkeit einer Aufnahmeprüfung. Aber wenn Eltern oder Schüler entscheiden, dass sie nicht den Weg übers Gymnasium, sondern den über die Realschule zur Hochschule gehen wollen, dann akzeptieren wir das.

ZEIT: Trotzdem: Wie erklären Sie sich die soziale Barriere vor dem Gymnasium in Bayern?

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Schneider: Ein Grund ist sicher die gute Verfassung der bayerischen Haupt- und Realschulen. Die Schüler lernen dort gut und haben in vielen Regionen beste Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Gerade im ländlichen Bereich gibt es nicht diesen Verdrängungswettbewerb, in dem Abiturienten den anderen die Lehrstellen wegschnappen.

ZEIT: In Deutschland ist Bayern Primus. In Kanada wären Sie in der Pisa-Rangliste der dortigen Bundesstaaten eine graue Maus. Wurmt es Sie, dass Bayern im internationalen Vergleich nicht ganz oben ist?

Schneider: Warten wir einmal die neuen Pisa-Ergebnisse ab (im Internet zu finden unter www.zeit.de/pisa, Anm. d. Red.). Edmund Stoiber hat als Ziel für die nächsten Jahre formuliert, aus unserer sehr guten nationalen Position unter die ersten fünf im internationalen Vergleich zu kommen.

ZEIT: Wie wollen Sie das erreichen?

Schneider: Als Konsequenz aus Pisa haben wir zwei große Themen angepackt: die Frühförderung und die individuelle Förderung der Kinder. Bei der Frühförderung geht es vor allem um eine intensive Sprachförderung im Kindergarten.

ZEIT: Und die individuelle Förderung?

Schneider: Die wollen wir ausbauen, indem wir beispielsweise am Gymnasium die Zahl der Fachstunden reduzieren, um Zeit für so genannte Intensivierungsstunden zu gewinnen. In diesen Stunden wird das einzelne Kind gefördert; es wird Stoff vertieft oder wiederholt. Wir müssen den Unterricht viel stärker vom Kind aus denken – das machen uns Finnland und Kanada vor.

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ZEIT: Die Pisa-Studie zeigt, dass auch Länder mit Gesamtschulsystemen gute Leistungen bringen. Wäre nicht Bayern ein guter Vorreiter für eine leistungsorientierte Gesamtschule?

Schneider: Ich stelle die Frage andersherum: Brauche ich Strukturveränderungen für eine bessere Schulqualität? Meine Antwort ist: Nein. Es gibt viele Länder mit Einheitsschulsystem, die schlechter sind als wir. Eine Strukturdebatte würde viele Kräfte binden, ohne dass klar ist, ob sie Besserung bringt. Das können wir uns nicht leisten.

ZEIT: Ist Bayerns Hauptschule nicht in Wirklichkeit Deutschlands erfolgreichste Gesamtschule? Bei Ihnen gehen rund 40 Prozent der Vierzehnjährigen auf die Hauptschule. In Hessen zum Beispiel sind es nur 20 Prozent.

Schneider: Wir sorgen dafür, dass die Hauptschule eine attraktive Angebotsschule bleibt. Auf dem Land haben wir dort eine sehr große Leistungsbreite, in den Städten sieht es nicht ganz so gut aus. Letztlich ist unser Ziel, jeden Schüler nach seinem Leistungsvermögen optimal zu fördern. Gute Hauptschüler sollen die Mittlere Reife ablegen können, schwächeren Schülern soll in so genannten Praxisklassen eine Berufsperspektive eröffnet werden.

ZEIT: Ganz so rosig sieht es mit der individuellen Förderung in Bayern nicht aus. 20 Prozent der Gymnasiasten steigen zur Haupt- oder Realschule ab. In Baden-Württemberg sind es nur zwölf Prozent. Das ist Abschieben statt Fördern.

Schneider: Richtig, zu viele Schüler bleiben sitzen oder steigen ab. Eine Gegenmaßnahme sind eben zum Beispiel die Intensivierungsstunden am Gymnasium. Außerdem haben wir das Vorrücken auf Probe eingeführt. Ein Schüler mit zwei Fünfen sollte nicht gleich ein ganzes Jahr wiederholen. Wenn bei einer Schülerin oder einem Schüler die Versetzung gefährdet ist, entwickeln die Lehrer jetzt zusammen mit den Eltern einen Förderplan mit Verpflichtungen für den Schüler, die Schule und die Eltern.

ZEIT: Auch Arbeiter- und Einwandererkinder können in Bayern besser lesen und rechnen als jene in den lange Zeit SPD-regierten Ländern Hessen und Nordrhein-Westfalen. Insofern hat die schwarze Bildungspolitik die rote überraschenderweise auch in der Disziplin Gerechtigkeit geschlagen. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

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Schneider: Wir haben immer auf Qualität gesetzt. Mit dem Zentralabitur und den landesweiten Prüfungen für den Hauptschulabschluss und die Mittlere Reife haben wir den Schulen Standards von außen vorgegeben. So konnte kein Lehrer und keine Schule das Niveau senken. Offensichtlich hilft das Fordern von Leistung nicht nur den starken, sondern ebenso den schwachen Schülern. Ein zweiter Grund für unseren Erfolg ist, dass wir nicht dem Zeitgeist hinterhergejagt sind. Die so genannten 68er haben in Bayern nicht so tiefe Spuren hinterlassen. In unseren Schulen gab es keine Debatte über die Sinnhaftigkeit der Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit.

ZEIT: Gibt es eigentlich noch eine CSU-Bildungspolitik? Auch die SPD-Länder setzen auf Frühförderung und Sprachunterricht, auf Bildungsstandards und Zentralabitur.

Schneider: Wenn die SPD-Kultusminister plötzlich Pfade beschreiten, die wir schon immer gegangen sind, kann ich das nur begrüßen. Wir gehen einfach konsequent unseren bildungspolitischen Weg weiter und passen ihn neuen Erkenntnissen an.

ZEIT: Bei der Ganztagsschule haben Sie von der SPD abgeguckt.

Schneider: Wir hatten dazu in der CSU eine strittige Diskussion. Einige waren der Meinung, die Ganztagsschule zerstöre die Familie. Letztlich hat der Parteitag mit großer Mehrheit für die Einführung von Ganztagsschulen gestimmt, wenn der Besuch freiwillig ist. Dort, wo Eltern es wünschen, wollen wir ein attraktives Nachmittagsangebot bereitstellen. So groß, wie manche behaupten, ist der Wunsch nach Ganztagsschulen aber gar nicht. Gerade auf dem Land gibt es funktionierende soziale Netzwerke aus Verwandten, Bekannten, Sport- und Musikverbänden. Da wollen wir nicht staatlich verordnete Ganztagsschulen einführen.

Interview: Thomas Kerstan