Als Angela Merkel im Adenauer-Haus zur Kanzlerkandidatin der Union ausgerufen wurde, stand im Publikum ein junger Mann, der aussah wie das Klischee vom CDUler. Er war noch keine dreißig, trug aber einen Anzug mit kreidigen Nadelstreifen und eine breite rosa Krawatte, die geradezu aus seinem Blazer hervorquoll , dazu passend ein rosa Einstecktuch. Seine Schuhe glänzten. Was wollte er damit ausdrücken? War seine Krawatte im Stil der fünfziger Jahre eine Erinnerung an die Zeit, als die natürliche Ordnung der Geschlechter noch im Gleichgewicht war? Ob er sich insgeheim ärgerte, dass er eine Frau beklatschen musste, da vorn auf der Bühne? Und wozu der Seitenscheitel? Seine glatten Kinderwangen glühten, als freue er sich schon darauf, das Land wieder in Ordnung zu bringen, in seine Ordnung.

So sieht das Gesicht der CDU aus fünf Meter Entfernung aus.

Dann kommt man näher, sagt, man recherchiere eine Geschichte über die CDU, eine Art … kultureller Erkundung, und vermeidet sorgfältig das Wort "Feldforschung", weil es klingt, als sei einem diese Volks partei so fremd wie ein obskurer Stamm.

Aber genauso ist es.

Schon seltsam: Man meint, das rot-grüne Personal so gut zu kennen wie WG-Mitbewohner. Der Gerd, die Claudia und der Joschka. Aber junge Konservative? Der Letzte seines Stammes, dem ich – 34, Prenzlauer-Berg-Bewohnerin, amnesty-Sympathisatin, Radfahrerin mit Hang zu alte Porsches – begegnet bin, war ein Typ aus dem Wirtschaftsgymnasium, der das Börsenspiel der Sparkasse gewann. Aber sonst? Alles, was ich von der Alltagskultur der CDU erinnere, ist unheimlich bis verwirrend und zwar unheimlich bis verwirrend wenig. Rüschenblusen, Saumagen und Wolfgangsee fallen mir ein. Gemeinerweise auch eine typische christsoziale Abgeordneten-Physiognomie mit vier Buchstaben, nämlich: D-I-C-K. Von ihrem Verwandtschaftssystem erinnere ich die traurige Geschichte der unglücklichen Ehefrau Hannelore Kohl, die allein zu Hause blieb, im Dunkeln. Und dass eine junge Ministeranwärterin Druck bekam, weil sie mit dem Vater ihrer Kinder nicht verheiratet war. Gleichzeitig gibt es Ole von Beust, schwul. Und Angela Merkel, kinderlos. Zum zweiten Mal verheiratet, wie manche Kommentatoren triumphierend betonen.

Man könnte sagen, all das habe mit Politik nichts zu tun. Aber für viele Wähler sind Fragen des Lebensstils und der Kultur wichtig. Man wählt, was einem vertraut ist. Auch weil man denkt, dass sich daraus eine bestimmte Politik ableitet. Vielleicht müsste man sie doch einmal kennen lernen.

Keiner der vielen Anzugmänner, die zur Feier des Tages ins Adenauer-Haus gekommen waren, war dem konservativen Klischee näher als der Blonde. Vielleicht führte er, erster Annäherungsversuch, ins schwarze Herz der Republik. Welche Funktion er denn in der Partei innehabe? Er wippte mit durchgestreckten Knien von der Ferse auf die Zehen und wieder zurück, Hände in den Taschen.