Noch vor wenigen Jahren schonte man sich gegenseitig im Wissenschaftsbetrieb. Professoren hielten sich mit Vorwürfen gegen Kollegen zurück, Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten verschwanden im Nebel von Ombudsgremien, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) pflegte bei solchen Gelegenheiten die Kunst der weichen Zurechtweisung. Inzwischen kann man der DFG nicht mehr vorwerfen, sie sei zimperlich. Vergangene Woche erteilte ihr Hauptausschuss dem Göttinger Mediziner Rolf-Hermann Ringert eine ungewöhnlich heftige Rüge. Acht Jahre lang darf der Urologe bei der DFG keine Drittmittel-Anträge mehr stellen oder dort als Gutachter fungieren. Denn als Senior-Autor und Klinikchef sei der Direktor der Urologischen Universitätsklinik verantwortlich für die Mängel in einer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Medicine aus dem Jahr 2000.

In der inkriminierten Studie (ZEIT Nr. 29/01) ging es um die Behandlung von Nierenkrebs mit einem experimentellen Impfstoff aus Patientenzellen. Das Verfahren versprach einen Durchbruch in der Krebstherapie. Die Fachwelt war beeindruckt, und Hunderte Kranke pilgerten hoffnungsfroh nach Göttingen.

2001 gab es erste öffentliche Kritik an der Publikation . Noch im selben Jahr wurde Alexander Kugler, einer der Hauptautoren, von seinem Posten suspendiert. Ein Jahr später attestierte das Ombudsgremium der Göttinger Universität Kugler grobe Fahrlässigkeit im Umgang mit den Daten. Seinem Mitautoren und Chef Ringert aber blieben solche Vorwürfe erspart. Nach den damaligen Senatsrichtlinien zog die Mitautorenschaft nicht die Mitverantwortung nach sich. Seither haben die Universitäten zwar die Regeln für wissenschaftliches Verhalten verschärft - auch in Göttingen. Da jedoch zum Zeitpunkt der Publikation noch die alten Bestimmungen galten, waren der Universität die Hände gebunden. Ringert blieb bis heute im Amt.

Der Geldgeber DFG in Bonn hat nun drei Jahre lang alle Fakten noch einmal geprüft und Rolf-Hermann Ringert erneut befragt. Insbesondere die Behandlung von rund 400 Patienten auf der Basis einer wackeligen Grundlagenarbeit stieß den Gutachern der DFG auf. Hier hat man die notwendige Sorgfalt massiv vernachlässigt, sagt Reinhard Grunwald, Generalsekretär der DFG. Dennoch zeigt Grunwald Verständnis für den Arzt. Er habe sich in einem Zwiespalt befunden, weil vor seiner Tür Patienten gestanden und ihn zur Behandlung gedrängt hätten. Nichtsdestotrotz hätte die Therapie vorher bei der Ethikkommission angemeldet werden und hätten testweise kleinere Behandlungsserien durchgeführt werden müssen.

Wie geht die Universität nun damit um, dass sie einen Leiter der Urologie beschäftigt, der keine Forschungsmittel mehr von der DFG erhält? Das wirft nicht so sehr Probleme auf, sagt Kurt von Figura, Präsident der Universität Göttingen, das ist eine Situation, in der sich eine ganze Reihe befinden - aber aus anderen Gründen. Nein, ihn sorge etwas anderes. Wie soll man mit einem moralisch Gerügten umgehen, wenn dieser in einem Fakultätsrat oder im Senat sitzt und über Projekte anderer Mitarbeiter urteilen soll? So etwas ist noch nicht vorgekommen, und darüber muss man sich jetzt Gedanken machen, sagt von Figura. Ringert war für die ZEIT auch am Dienstag nicht erreichbar.

Er operierte.