Es gibt zwei Sorten von schreibenden Journalisten. Beide brauchen sie Nase, um Witterung zu nehmen - doch die einen machen Zeitung mit dem Kopf, die anderen aus dem Bauch. Peter Boenisch zählte zu den Letzteren.

Jahrzehntelang war er einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Presseleute der Bundesrepublik. Als Chefredakteur der Bild-Zeitung brachte er das Blatt gegen die revoltierenden Studenten in Stellung. Radau-Profis nannte er sie oder Linksfaschisten. Er forderte Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen.

Kurz danach erschoss ein Polizist beim Schah-Besuch in Berlin Benno Ohnesorg.

Boenisch aber sah eine rote SA am Werk: Sie müssen Blut sehen.

Später hat es ihm leid getan: Wir wollten keine Toten, auch keine roten Toten. Ebenso rückte er ab von der einstigen Verdammung der Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs, ja, er verteidigte sogar Joschka Fischer, den vormaligen Steinewerfer der Frankfurter Putzgruppe. Auf seinem Weg zum altersmilden Beobachter des Zeitgeschehens hat er auch die Konfrontation mit seinem Mutterhaus, der Axel Springer AG, nicht gescheut.

Mehr publizistische Erfahrung als Boenisch besaß keiner. Sportreporter, Lokalredakteur, dann nacheinander Chefredakteur von Revue, Bild, Bild am Sonntag, Welt und Welt am Sonntag, unter Helmut Kohl Wahlkampfberater und zwei Jahre lang (1983 bis 1985) Chef des Bundespresseamts - solch eine Karriere ist einzigartig.

Peter Boenisch schrieb, wie er berlinernd sprach: saftig, schnoddrig, zum Punkte - und traf dabei intuitiv die Stimmung auf der Straße. Seine letzte Kolumne schrieb er eine Woche vor seinem Tod - eine Verteidigung von Gerhard Schröders Vertrauensfrage. Wir sind das Volk, argumentierte er. Gestehen wir uns ein, gestehen wir ihm zu: Mit seiner Nase, seinem Bauch war er jahrzehntelang das Volk.