Literarische Stadterkundungen für Flaneure: Das war einmal. Heutzutage hat sich der halbwegs gebildete Stadtbewohner, der dazu neigt, alles Geschriebene auch zu lesen, mit ganz anderen Dingen auseinander zu setzen. DIE STADT BIN ICH behaupten zum Beispiel die kinderbeingroßen Lettern neben einem esstischplattengroßen Teenagergesicht auf der Plakatwand. Solchen Nonsens kann man als Belästigung empfinden, als Nötigung, als aggressiven Akt von Kosumterroristen, die aus allen Rohren der visuellen Kommunikation Botschaften auf ihre Opfer abfeuern. Auf uns, die wir bereits wissen, welches Produkt man uns zu kaufen heißt. Sie wissen, dass wir wissen. Wir aber wissen, dass sie wissen, dass wir wissen. So erhalten wir uns die Autonomie der freien Interpretation. Die Stadt ist ein anderer, wie Rimbaud gesagt hat.

Vor kurzem war das Erste, was man in Berlin Unter den Linden zu sehen bekam, ein Frauenbein. Nackt natürlich. Es hing an einer Fassade und war drei Stockwerke hoch. So viel Knie war noch nie. (Inzwischen ist das Knie wieder weg, es lohnt keinen Ausflug.) Die zugehörige Schrift war so klein, dass man sie aus einem viertel Kilometer Entfernung nicht ohne Brille lesen konnte, weshalb das Knie, bei aller Größe, seltsam nichtig war. Es wirkte sinnlos; irgendwie fehl am Platze.

Es geht also doch um Sprache; Werbung ist, eben doch, Poesie. In einer der Seitenstraßen der Linden steht auf dem Bürgersteig ein weißes Plakat. In schlichten schwarzen Lettern ist darauf zu lesen: LEBE DEIN HAAR! Ich fahre mindestens zweimal pro Woche dort vorbei. Noch jedes Mal habe ich darüber nachgedacht: Wie könnte ich mein Haar leben? Es klingt wie eine Friseurwerbung, aber da ist noch mehr dahinter, hermeneutisch gesehen. Haare wachsen bekanntlich weiter, wenn man schon gestorben ist. Glaubt dieser Friseur an ein Leben nach dem Tod? Im Haar? Kann man es weiterleben? Virtuell? Metaphysisch? Transzendental? Der Friseur hat übrigens eine Glatze.

Wenn man von mir zu Hause aus an einem schönen Sommertag zu dem schönsten Brandenburger See fährt, kommt man an einem Plakat mit einer ähnlich rätselhaften Botschaft vorbei: WÄRME IN IHRER SCHÖNSTEN FORM. Der Motor summt, die Sonne lacht, besonders aufs Autodach. Welche Form hat eigentlich Wärme? Sie ist punktförmig bei der Gasflamme, flächig bei der Zentralheizung, höhlenförmig im Bett. Manchmal ist sie, so wie jetzt gerade, völlig formlos und allgegenwärtig, besonders im Auto. Mir ist heiß, quengelt das Kind von hinten. Es gibt natürlich auch die Nestwärme, die Kinder brauchen. Vermutlich ist sie irgendwie kreisförmig.

Welche Form ist die schönste? Welche bekommt den Apfel des Paris? Es gibt Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Aber es ist die Aufgabe der Literatur, sie zu stellen. Lebe deine Fragen! In ihrer schönsten Form. Und dann bist du die Stadt.