Im Grunde schien der alte Streit zwischen Wissenschaft und katholischer Kirche endlich beigelegt. Als der verstorbene Papst Johannes PaulII. anerkannt hatte, dass heute existierende Lebewesen sich in einem komplizierten Prozess aus einfachsten Formen des Lebens entwickelt haben, war auch die Kirche bei Darwin angekommen. Jetzt aber gilt anscheinend wieder ein anderes Credo: Was kümmert uns das Geschwätz von gestern?

Denn am vergangenen Donnerstag, in einem Gastkommentar für die New York Times, konstatierte der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn: Alle Beobachtungen über die Entwicklung des Lebens ließen nur einen Schluss zu, nämlich dass ihnen das Wirken eines höheren Schöpfers zugrunde liege. Dabei belässt es Schönborn nicht. In seinem Beitrag prangert er eine vermeintliche Unterdrückung von Schöpfungsszenarien durch Mainstream-Naturwissenschaftler an. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugne oder wegzuerklären versuche, sei Ideologie, nicht Wissenschaft. Eine Breitseite gegen die Evolutionsverfechter!

Schönborn ist zunächst noch gnädig. Evolution im Sinn gemeinsamer Abstammung der Arten, das mag angehen. Die Entstehung des Lebens als Ergebnis einer Reihe evolutionärer Prozesse, "ziellos", "ungeplant" und als "Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion", das sei wider die Vernunft. Leider fehlen dem Kirchenmann für diese steile These vernünftige Belege.

Ist Schönborns Klarstellung gegen eine "angebliche Akzeptanz oder Zustimmung der römisch-katholischen Kirche" zum "neo-darwinistischen Dogma" ein erstes Zeichen für eine Restauration im Vatikan des Benedikt XVI.? Nicht unbedingt. Schönborn, im April selbst noch einer der engeren Kandidaten für das schönste Amt neben dem SPD-Vorsitz, verweist zwar darauf, Ratzinger selbst habe ihn wenige Wochen vor der Papstwahl noch zu einer expliziten Stellungnahme ermutigt. Der Heilige Stuhl aber schweigt. Schönborns Pressepredigt ist nicht autorisiert. Es ist also noch zu früh für eine harte Kirchenkritik.

Gefahr für Wissenschaft und Meinungsfreiheit droht aus einer anderen Ecke. Laut New York Times hat Mark Ryland, der Vizepräsident des Discovery Institute (DI), den Kirchenoberen zum Gastkommentar gedrängt. Diese finanzkräftige, naturwissenschaftlich auftretende US-Organisation bekämpft den Evolutionsgedanken zugunsten der Schöpfungslehre. Besonders an amerikanischen Schulen wächst der Druck, die Evolutionslehre zu relativieren. Die schlagkräftige vormoderne Lobby pflegt beste Verbindungen auch nach Europa, das ist bekannt. Ihr Trick: Penetrant den Eindruck zu erwecken, dass die Evolution in der Welt der Wissenschaft ernsthaft umstritten sei. Diese Methode findet sich auch in Schönborns purpurner Predigt. Auch durch pseudoakademische Rhetorik wird Unfug noch kein Faktum.