Manchmal träume ich von der Hortensienstraße. Es ist immer der gleiche Traum. Ich versuche, mit einem kleinen Auto, vielleicht ist es sogar ein Tretauto, in die Straße hineinzufahren. Aber das Auto, so klein es ist, ist nicht klein genug für die Hortensienstraße. Wir bleiben stecken. Ich falte das Auto zusammen und klemme es unter den Arm; aber selbst so sind wir nicht dünn genug. Es ist ganz offensichtlich: Eine Rückkehr in die Hortensienstraße ist genauso unmöglich wie die Rückkehr in den Mutterschoß.

Die Hortensienstraße in Berlin-Lichterfelde, die Straße meiner Kindheit, hat auch heute noch, bei Tage und für meinen erwachsenen Blick, eine unheimliche Seite. Wenn man vom S-Bahnhof Botanischer Garten, der mit herrischer Gründerzeitgeste in den Himmel strebt, rechts in die Straße biegt, ähnelt sie einem dunklen Trichter, der sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verengt. Nach wenigen Schritten bleibt von ihr kaum mehr als ein mit Kopfsteinen gepflasterter Feldweg, auf der einen Seite bewachsen mit kleinen, kränkelnden Reihenhäuschen aus den zwanziger Jahren, auf der anderen Seite mit großen knorrigen Mietshäusern, von großbürgerlich bis elend. Am Ende verliert sich die Straße und läuft in ein winziges Rinnsal aus, das in den Hindenburgdamm mündet.

Da hat die Straße aber schon ihren Namen gewechselt und den urbanen Bewuchs verloren. Als Resedenstraße wird sie rechts von Schrebergärten, links von einem ehemaligen Straßenbahndepot gesäumt. Wahrscheinlich ist es bezeichnend, dass sich dieses unrühmliche Ende, der Wurmfortsatz der Hortensienstraße, am rücksichtslosesten modernisiert hat. Das bröckelnde Straßenbahndepot ist zu einer Niederlassung der Bayerischen Motorenwerke geworden, die Schrebergärten sind gepflegt und haben ordentliche Zäune statt der alten Umgrenzung aus Bierflaschen, von denen meine Schwester seinerzeit glaubte, sie wären von den Bewohnern einzeln ausgetrunken worden, bevor sie mit dem Hals voran in den märkischen Sand gesteckt wurden.

Wahrscheinlich hatte meine Schwester Recht. Heute jedenfalls sind die Flaschen verschwunden wie das dazugehörige Milieu. Was ist aus dem dreirädrigen Lastwagen geworden, dessen Fahrer frühmorgendlich nach "Alteisen, Lumpen, Papier" schrie? Was aus dem Bettler, der meinen Vater regelmäßig bei uns zu Hause aufsuchte und dessen Fingernägel von einer rätselhaften Krankheit zu schorfigen Blättern aufgeworfen waren? Was aus unserer Putzfrau, die einmal in der Woche drohte, aus Verzweiflung über ihre familiäre Misere den Gashahn aufzudrehen? Selbst die struppigen und verstaubten Hortensien, die als Huldigung an den Straßennamen im Vorgarten meines Elternhauses standen, sind nicht mehr, und auch der wilde Wein nicht, der das Haus unter seinem Pelz verbarg. Es ist, als habe in der Straße eine Gespensteraustreibung stattgefunden.

Die Geister sind aber alle noch da. Einigen hat die Stadtverwaltung inzwischen Plaketten an ihren ehemaligen Wohnhäusern gestiftet, es sind der Professor Joachim Tiburtius, erster Kultursenator im Nachkriegsberlin, und der Graf Yorck von Wartenburg, der im Widerstand gegen Hitler sein Leben verlor. Keine Plakette befindet sich an dem ehemaligen Haus von Eugen Gerstenmaier, der im Widerstand gegen Hitler das Leben nicht verlor und deshalb Bundestagspräsident der Nachkriegsrepublik werden konnte. Keine Plakette erinnert an die halbstarken Söhne unseres Nachbarn, die der Schrecken der Straße waren, echte Rocker der sechziger Jahre, mit öligen Entenschwanzfrisuren und öligen Mopedketten, die sie drohend in der Luft kreisen ließen. Keine Plakette auch hat die hübsche Tochter unserer Putzfrau erobert, die mehr noch als der trinkende Mann die Selbstmordgedanken der Mutter beflügelte; denn von dieser Tochter hieß es in der Straße allgemein, sie werde wegen ihrer frühreifen Schönheit ein böses Ende nehmen.

Das waren die Figuren meiner Kindheit; im Rückblick erkenne ich deutlich, wie sie alle noch aus der sozialen Ordnung und politischen Unordnung der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit stammten, Entwurzelte oder niemals Verwurzelte oder Hinterbliebene des gescheiterten Widerstandes wie meine Eltern auch, die auf Vermittlung der Witwe Yorcks in die Hortensienstraße gezogen waren. Wir wohnten in dem Reihenhäuschen Nr. 41, das war ungefähr auf halbem Weg zwischen der Nr. 12, in der die Witwe des Senators Tiburtius wohnte, und der Nr. 50, in der die Gräfin Yorck lebte. Es wäre nicht falsch zu sagen, dass sich zwischen diesen Hausnummern meine Kindheit erstreckte. Bei Marion Yorck, die meine Schwester und ich skrupellos aus ihrem Mittagschlaf herauszuklingeln pflegten, gab es englische Drops; bei Louise Tiburtius, die nur auf Einladung besucht werden konnte, gab es Spekulatius und eine denkwürdig dünne Limonade, die ein starkes Verlangen nach härteren Drogen freisetzte.

Im Haus Nr. 50 einigte man sich auf die Notwendigkeit eines Attentats