Vor uns empfing er die Nummer Zwei des CIA, am Donnerstagnachmittag steht der russische Anti-Terror-Chef auf dem Terminkalender. Noch keine zwei Jahre im Amt, hat Gijs de Vries ein weltweites Netzwerk geknüpft, mit vielen Reisen und unzähligen Gesprächen, von Algerien über Marokko bis Pakistan, von den Vereinigten Staaten gar nicht zu reden. Die berühmte Telefonnummer in Europa, die einst ein US-Außenminister Henry Kissinger anmahnte, sie gibt es im Anti-Terror-Kampf: Der Niederländer, von Haus aus Diplomat, ist der "Mister Anti-Terror" der Europäischen Gemeinschaft – und steht jetzt nach den Londoner Anschlägen vor der größten Herausforderung.Im Gespräch mit der ZEIT trennt de Vries scharf zwischen dem, was Sache der EU-Mitgliedsstaaten bleibt, und dem, was von Brüssel aus erledigt werden kann. "Die Führung in diesem Kampf liegt eindeutig bei den Regierungen, bei der nationalen Polizei, bei den Geheimdiensten der Mitgliedsstaaten", sagt der EU-Beauftragte. "Das macht den Unterschied zu den Vereinigten Staaten aus. Wir haben und wollen kein europäisches CIA. Brüssel ist nicht dafür da, nationale Stellen zu duplizieren, sondern sie zu unterstützen."Aber das kann es doch nur, wenn nationale Beamte dabei mitspielen und nicht mauern?"Seit den Anschlägen von Madrid haben die damalige irische EU-Präsidentschaft und ich selbst einen Katalog mit rund 100 Maßnahmen vorgelegt, von der polizeilichen Zusammenarbeit über die Finanzierung der Attentäter bis zur Außenpolitik, zur Kooperation mit willigen Staaten. Über die Hälfte der Maßnahme sind bereits umgesetzt."Aber der Europäische Haftbefehl, Kernstück dieser Politik, droht doch jetzt am Einspruch des Bundesverfassungsgerichts zu scheitern. "Der Haftbefehl ist längst Praxis. Französische Behörden verhafteten unlängst einen Verdächtigen auf ein italienisches Mandat hin. Die Carabinieri und der französische Inlandsgeheimdienst DST arbeiteten dabei Hand in Hand. Über 100 verdächtige Personen wurden nach dieser europäischen Prozedur bereits ausgeliefert. Dafür braucht es nicht länger ein halbes oder ganzes Jahr, sondern höchstens zwei Monate."Gijis de Vries lobt vor allem den beschleunigten Informationsaustausch über Europol in Den Haag, Eurojust (die Runde europäischer Staatsanwälte) und das Sitcen, das Situation Centre, das in Brüssel nach den Madrider Anschlägen geschaffen wurde. Die Europäische Grenzagentur sei jetzt als vierte Anlaufstelle hinzugekommen."Wir haben, ohne dass ich Ihnen Einzelheiten verraten darf, durch solche Kooperation bereits etliche Anschläge in Frankreich oder Spanien verhindern und Verdächtige festnehmen können. Schon in den ersten Stunden nach dem Londoner Anschlag traf ein Europol-Verbindungsoffizier in London ein. Heute sagt der britische Innenminister Charles Clark über die europäische Zusammenarbeit: Sie machte den entscheidenden Unterschied aus."Aber ist der Preis für Sicherheit womöglich die Freiheit der Bürger, wird da nicht auch der Zugriff auf Daten, auf jedes Telefongespräch, jede E-Mail, jedes Einloggen im Internet grenzenlos?"Die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ist Teil unserer Identität. Beispiel Datenspeicherung. Sie soll verlängert werden, die EU-Innenminister haben das am Mittwoch beschlossen. Das bedeutet zugleich, dass wir den Datenschutz verbessern müssen. Die EU-Kommission soll darum rasch einen Vorschlag präsentieren. Es darf nicht so weit kommen, dass Terroristen uns so viel Angst einjagen, dass wir unsere Prinzipien vernachlässigen. Aber lassen Sie uns zuversichtlich sein. Die Demokratie ist stärker als jene, die sie zu zerstören suchen. Das haben mit großem Mut und großer Würde die Menschen in Madrid und London gezeigt. Die Botschaft ist klar: Ihr kommt damit nicht durch. Die Freiheit ist stärker als die Tyrannei der Angst."