Chickentown, Minnesota, ist die langweiligste Stadt im Land. 36 793 Einwohner, Zentrum der Geflügelproduktion, Felder und Grassteppen bis an den Horizont. Wie die bedauernswerte Candy Quackenbush berichtet, beherbergt dieser Ort mehr beschissene Hühner als Menschen, von bescheuerten Individuen wie Candys besoffenem Vater oder ihrer Lehrerin, Miss Schwartz, nicht zu reden. Nix wie weg, sagt sich deshalb die 15-Jährige nach einem furchtbaren Tag und läuft und läuft die Lincoln Street hinunter bis zum Rand der Stadt. Dead End Street?

Von wegen. Spätestens hier, wo der Asphaltbelag endet und die Grassteppe beginnt, sollten wir uns in die Obhut des Erzählers begeben, der versichert, er wolle mit seinem Fantasy-Roman Abarat ein grenzenloses Buch schreiben, dessen Blätter sich in fantastischer Fülle zerstreuen. Drohung oder Segen? Da der Erzähler Clive Barker heißt, dürften jene, die sich im Windschatten von Candy Quackenbush bewegen, gefährlichen Zeiten und fantastisch bunten Welten ins Auge blicken. Der Autor lebt und arbeitet in Beverly Hills, schrieb zahlreiche Romane und Drehbücher, von denen unter anderem Hellraiser, Candy Man und Lord of Illusions verfilmt wurden. Mit seiner schillernden und ausufernden Berufsbiografie macht Clive Barker sogar dem kalifornischen Fantasy-Multitalent Tad Williams Konkurrenz.

Auf Teil 1 der von Karsten Singelmann übersetzten Fantasy-Saga werden noch drei Bände folgen, denn Barkers reich bebilderte Träume weisen tatsächlich gegen unendlich. Schon auf den ersten 500 Seiten breitet sich Candys Geschichte aus wie die Vegetation einer tropischen Insel nach der Regenzeit.

Bleibt zu hoffen, dass der fantastischen Zerstreuung eine Sammlung folgt. In einem Appendix zum Roman philosophiert der lebenskluge Samuel Hastrim Klepp von der Insel Yebba Dim Day, man müsse das flache Brot dessen, was uns vertraut ist, mittels der Hefe dessen aufgehen lassen, was wir uns erträumen. In Band 1 lässt Clive Barker den Teig nach allen Regeln der Fantasy-Kunst aufgehen, mit einer eigenwilligen, gewitzten Interpretation der bekannten Stereotypen des Genres. Was mit Candy geschieht, als sie den festen Boden der Lincoln Street hinter sich lässt, das erträumen wir wohl alle, wenn in unseren Chickentowns wieder mal die Hühnerkacke am Dampfen ist: Da steht ein halb verfallener Leuchtturm in der Landschaft, es riecht nicht nur nach Meer, das Meer ist plötzlich da, mitten in Minnesota. Wir lassen uns, unterstützt von seltsamen Gestalten, auf den Wellen davontragen in den Archipel von Abarat, wo es für jede Stunde des Tages eine Insel gibt und für die 25. Stunde ein Eiland außerhalb von Raum und Zeit. Ungezählte (natürlich englisch sprechende) Lebensformen bevölkern dieses Paralleluniversum, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, gutmütige, harmlose, gefährliche und zutiefst bösartige Kreaturen. Barkers über die Seiten gestreutes illustriertes Bestiarium legt davon lebhaft Zeugnis ab. Und schon schwelt (vermutlich tobt er bald) wieder einmal ein Kampf zwischen magischen Despoten und geschäftstüchtigen Psychopathen um die Weltherrschaft.

Nicht zuletzt wegen der Vielzahl der Bilder bietet der Heyne Verlag vorerst nur ein Buchkunstwerk in einer limitierten und nummerierten Luxusausgabe an.

Der zweite Band, Tage der Wunder, erscheint in gleicher Aufmachung im Herbst.

Fantasy-Fans, die sich solche Extravaganzen nicht leisten können, müssen auf die Taschenbuchausgabe warten oder sich die englischsprachigen Bücher besorgen.