Einmal wohnten sie auf dem Mond. Lauter Meere, aber kein Wasser drin. Still war es da, doch kalt, sehr kalt. Schiffe flogen vorüber, manchmal landete sogar eines. Heute lebt die Familie vor der Stadt, rechts wie links Reihenhäuser, dahinter eine Wiese mit Blumen. "Die Fahrräder stellen wir in den Keller."

Peter Stamm, der Schweizer Autor, hat für sein erstes Kinderbuch 18 Miniaturen geschrieben, die mit dem Nonsens spielen, die sich manchen Jux machen und die doch zuallererst Etüden der Wahrnehmung sind: "Als wir in der Geige der Tante wohnten, knarrte der Boden bei jedem Schritt." Im nächsten Satz fiedelt schon die Fantasie: "Wenn die Tante Zigeunerlieder spielte, fielen die Möbel um." Bei deutschen Liedern kamen der Oma die Tränen, die Mutter hängte an den Saiten der Violine die Wäsche auf, und der Vater zeigte Nerven: "Ohropax!"

Sonstwo haben sie gehaust, nichts ausgelassen, im Bus, im Wald, auf dem Dach der Kirche und im Kino, im Regen und im Meer, auf dem Hut des Onkels und unter Brücken, im Traum, und ein paar Wochen wohnten sie "nirgendwo". Jutta Bauer illustriert den Band in warmen Farben, zu jedem Text ein Bühnenbild, in dem man das Stück weiterspielen – oder in das man sich erst einmal hineinsetzen kann. Keine glatten Flächen, alles pastellartig, marmoriert, aus der Tiefe leuchtend. Traumhaft sind die Bilder, aber nie verträumt, en détail immer mit gewitzter Selbstverständlichkeit. Aus dem Wechselspiel von Text und Bild erwachsen poetische Gratwanderungen der Weltentdeckung, zwischen Licht und Schatten: "Die Schwester war immer traurig." Oder: "Der Vater aber liebte die Mutter nicht mehr." Und eines Nachts starb der Großvater.

Das Sich-Einrichten, Sich-vertraut-Machen, immer wieder neu, so wie sich Kinder ihre Hütten bauen: ein Tisch, ein Stuhl, ein Besenstiel und dann die Decke drüber, das war, so Peter Stamm, die erste Idee zu diesem Buch. Draus geworden sind 18 Variationen zum Thema "…dichterisch wohnet der Mensch". Ein feines Schweben bleibt am Ende. Es ist, als ob sie all die durchstreiften Orte und durchlebten Unterkünfte gar nicht ganz verlassen, sondern sie ins Reihenhaus vor der Stadt mitgenommen hätten. Reinhard Osteroth