Kant fängt Feuer

Ein Hörspiel aus diesem Roman zu machen, das ist riskant. Denn wenn das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Welt Gegenstand des modernen Romans ist, dann erscheint Elias Canettis einziger Roman Die Blendung (zuerst 1935) als eine Art Roman in Potenz: Aus drei Teilen gebaut, sie heißen Ein Kopf ohne Welt, Kopflose Welt, Welt im Kopf, entfaltet diese epische Parabel in grotesker Übertreibung den irrsinnigen Kosmos des Gelehrten und dessen Zerstörung durch den Irrsinn der Welt, von der er getrennt ist.

Doch Helmut Perschina hat in diesem Roman meisterlich das Hörspiel aufgefunden, das in ihm steckt, die dramatische Struktur einer von Canetti konzipierten Comédie Humaine, deren einziges Stück aber Die Blendung bleiben sollte. Dass Menschen sich verstehen, hat Canetti selbst als eine der läppischsten Illusionen bezeichnet und zugleich in Skizzen zur Dramentheorie jedem empfohlen, die akustische Maske wahrnehmen zu lernen, welche die sprachliche Gestalt eines Menschen ausmacht. Nun, Perschinas Hörspielbearbeitung ist in diesem Sinne beste akustische Maskenbildung.

Den Sinologen Peter Kien sperrt Felix von Manteuffels Stimme in die Zwangsjacke jener lebenszerstörenden Intelligenz, die Claudio Magris in der Blendung gestaltet sah. Die Haushälterin Therese Krumbholz lässt Libgart Schwarz' Stimme zur akustischen Fratze der Gier werden. Den Hausbesorger Benedikt Pfaff bringt Wolfgang Böcks Stimme zur Kenntlichkeit, indem sie die Gewalt des faschistischen Kleinbürgers, der mit der Tochter nach Belieben verfuhr, sein Züchtigungsrecht ausübt und dabei alles in allem glücklich ist, ekelerregend erklingen lässt. Und wenn eine Stimme das Bündel antisemitischer Klischees ausdrücken kann, dann ist es diejenige Robert Meyers, die er dem buckligen Zwerg Fischerle leiht.

Aufklärung kann jeder, dekretiert die Haushälterin und lechzt: Ich will den Rest. - Ich führe keine Ehe. Ich brauche Ruhe, schnarrt leblos der Sinologe, von dem Canetti sagte: In Peter Kien habe ich mich karikiert und vernichtet. Und als der Psychiater Georg Kien äußert: Es geht um meinen Bruder. Er ist in falschen Händen, da wird seine Anteilnahme durch die Illusionslosigkeit des Tons als ärztliche Routine erkennbar. Die Blendung sei ein Buch, hat Francois Bondy gesagt, das ich nie wieder lesen möchte. Aber er hätte es vielleicht, in dieser Fassung, hören wollen. Bis zum Schluss, wenn der Erzähler Peter Simonischek, sich jedes Erstaunen verbietend, über Peter Kien wissen lässt: Als ihn die Flammen endlich erreichen, lacht er so laut, wie er in seinem ganzen Leben nie gelacht hat.

Canettis eigene Stimme, die Witz birgt, leidenschaftliches Interesse und die Canettis polyfone Geistesschärfe ansprechend macht, versöhnt mit dem Schrecken dieser akustischen Masken. Das Feature von Karoline Naab, das sich Leben und Werk widmet, erteilt dieser Stimme durch autobiografische Zeugnisse aus Hörfunkgesprächen und Lesungen das Wort und lässt Canetti, in dessen Blendung die gelehrte Vernunft im Feuer aufgeht, seine Sprache der gelebten Vernunft sprechen, die dem Irrsinn der Kiens, Pfaffs und Krumbholzens entgegentritt. Canetti spricht jenes Deutsch, das er als seine vierte Sprache gelernt hatte, dem seine Liebe galt wie der Mutter und der Literatur. Ein Deutsch, das Canettis Heimat war und Exil. Wer die Blendung gehört hat, wird sich immer daran erinnern, dass diese irrsinnige Parabel auf Deutsch geschrieben wurde.

Elias Canetti: Die Blendung

Hörspiel von Helmut Peschina, Regie: Robert Matejka - Hörverlag, 3 CDs, 173 Min., 24,95 e

Kant fängt Feuer

Karoline Naab: Elias Canetti - Leben und Werk

Der Hörverlag, 2CDs, 154 Min., 19,95 e