Wenn die Bevölkerung schrumpft, bringt der Staat gröbste Rhetorik in Anschlag. Otto Schily ließ kürzlich einen besonders dicken Knüppel kreisen, als er gewollte Kinderlosigkeit eine "Absage an das Leben" nannte.

Was den Innenminister so in Fahrt gebracht hatte, war sein Erschrecken über die Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie, wonach ein erheblicher Anteil der jungen Erwachsenen keine Lust mehr auf Kinder hat. Das lässt Schlimmes befürchten, jedenfalls aus bevölkerungspolitischer Sicht. Wer grundsätzlich keinen Nachwuchs will, wird sich auch nicht von höheren Familiensubventionen umstimmen lassen. Das Problem liegt tiefer. Es geht um die grundsätzliche Haltung zum Kind in diesem Land – so grundsätzlich, dass selbst die Bevölkerungslobbyisten in der Weimarer Zeit und im Nationalsozialismus mit der Beleidigung des Publikums als lebensfeindlich, materialistisch oder karrierefixiert kein Glück hatten. Vergeblich forderten sie angesichts der sich damals abzeichnenden Entwicklung zur Ein-Kind-Ehe eine "heldische Lebensauffassung, bei der Opferbringen und Für-andere-leben eine Selbstverständlichkeit" seien. Aber auch das Zerrbild des "Luxusweibchens", das lieber ins Theater gehe, als Windeln auszuwaschen, hatte keine animierende Wirkung auf die Frauen.