Früher hat der Student Ulrich Wickert hier oft gelegen. Vor der Bonner Uni hat er sich im Sommer mittags gesonnt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Jetzt ist wieder ein sonniger Mittag, und Wickert ist zurückgekehrt. Diesmal hockt er auf einer Mauer an der Hofgartenwiese. Sein Blick schweift übers Grün, auf dem sich ein paar tausend Menschen versammelt haben, sie tragen Talare und Barette. Es ist die erste große Traditionsuni, an der der Abschluss wieder in Tracht gefeiert wird. Wickerts dunkelblauer Anzug sitzt auch in der Hocke picobello. Passanten schauen auf den Tagesthemen-Moderator und wundern sich, dass da plötzlich der sitzt, der ihnen gestern noch spät eine geruhsame Nacht gewünscht hat.

Hier, sagt Wickert, hier haben wir ein Feuer gemacht. Irgendwann in den Sechzigern nach einer Fete. Die Flammen missfielen dem Uni-Hausmeister, der die Feuerwehr alarmierte. Als die sich anschickte, das Feuer zu löschen, waren Wickert und Kumpane wenig amüsiert. Sie fummelten so lange an den Schläuchen, bis die Feuerwehr die Polizei rief. Die wiederum legte sich derart heftig mit Wickerts Bande an, dass diese in der Woche drauf einen Verein gegen Übergriffe der Ordnungsmacht gründete.

Heute sind wieder Studenten auf der Hofgartenwiese. Über 700 haben sich an diesem Samstag versammelt, aber niemand sieht aus, als wolle er demnächst einen Verein gegen irgendetwas gründen. Es sind eher die Braven, die da mit ihren Eltern gekommen sind, um sich in feierlicher Zeremonie eine Urkunde und einen Händedruck abzuholen. Das wirkt wie umgekehrte Einschulung. Heute ist es das wallende Gewand, das aufs Erinnerungsfoto muss. Links steht Mami, rechts der Papi, in der Mitte das verkleidete Kind.

Vor dem Fest sind die Absolventen durch Bonn gelaufen und sahen dabei aus, als hätten sie den Zugang zum Bahnsteig Neundreiviertel nicht gefunden, zu jener geheimen Plattform, von wo aus der Zug in Harry Potters magisches Internat Hogwarts abfährt. Aber natürlich sind sie keine Zauberlehrlinge, sie haben - im Gegensatz zu rund 1400 anderen Bonner Absolventen - nur das Angebot angenommen, ihr Studium mit einem altmodisch anmutenden Festakt ausklingen zu lassen.

Dem Studenten Wickert hätte man so etwas nicht anbieten dürfen. Nie im Leben. Das hätte ich absolut schrecklich gefunden, sagt er. Trotzdem soll er als Redner berichten vom Muff der 1000 Jahre, der früher unter den Talaren vermutet wurde, dort, wo heute die Absolventen ihre Fotohandys verstecken.

Wickerts eigene Uni-Karriere endete lapidar. Mit diesem Examen werde ich meine juristische Laufbahn beenden, stand am Ende seines zur Prüfung eingereichten Lebenslaufes. Die Urkunde hat dann der Postbote zugestellt.

Auch deshalb empfindet Wickert es als Ironie, dass nun ausgerechnet einer wie er solch eine Feier schmücken soll. Aber weil ihm Ironie als solche nicht fremd ist, erzählt er, wie mal bei einer Kriegsversehrten-Demo auf der Hofgartenwiese ein Plakat liegen blieb. Drauf stand der Imperativ Schluss mit dem Unrecht. Das hat sich der junge Wickert gegriffen und künftig auf allen Demonstrationen hochgehalten.