Es sieht so aus, als könnten wir auf Erden nicht gewinnen, nichts – nicht einmal ein Freispiel. Und selbst die Schäfchen in den diversen göttlichen Herden erwecken nicht den Anschein, als sei das Dasein als jubelnder Harfenist auf einer pausenlos paradiesischen Wolke besonders erfreulich. Aber wenn es auch nichts zu gewinnen gibt, so können wir doch verlieren. Nur was? Sagen wir mal: den Anschluss, den Überblick, die bewohnbare Nähe zu uns selbst. Wenig genügt, um die Sehnsucht nach dem Ende auszulösen: ein Fadenriss.

Die Moderne versucht uns ein schönes Bild vom Individuum schmackhaft zu machen: Wir sitzen als Piloten am Steuerknüppel unseres Lebens und manövrieren es durchs Gelände der Zivilisation. Doch haben wir weder ein Ziel noch einen Auftrag, vom Pilotenschein gar nicht zu reden. Wir verfügen bloß über unendlich viele Apparate, die uns darüber hinwegtäuschen, dass es sich um einen lebenslangen Blindflug handelt.

Willkommen also an Bord in Nick Hornbys Blindflugsimulator: A long way down . Wollten Romanciers Probleme lösen, dann hieße das Problem in Hornbys Roman: Warum gleiten manche Menschen durch die Wirrnis der Existenz, und warum stürzen andere ab? Und wenn man abgestürzt ist, wie repariert man den gerissenen Faden? Nun ist aber Nick Hornby Romancier, ein hinreißender sogar, und deshalb löst er keine Probleme, sondern erzählt Geschichten. Und am Ende dämmert uns, dass vielleicht genau darin die Lösung besteht.

In Gestalt von Maureen, Martin, JJ und Jess begegnen sich eines Silvesterabends vielerlei Sorten Lebenspein auf dem Dach eines Londoner Hochhauses. Sozusagen ein Gipfeltreffen der Lebensmüden, die sich jedoch noch eine Bewährungsfrist gestatten. Die Auflage besteht darin, sich regelmäßig zu treffen. Der Preis ist hoch, denn die gegenseitige Zuneigung hält sich in Grenzen. Und so – verkürzt gesagt – zankt sich die Wahnsinnstruppe ins Leben zurück.

Hornbys Suizidalquartett bietet kakofone Kammermusik der Meisterklasse. Die Mitspieler sind in der Hoffnung an die Rampe getreten, in letzter Sekunde vielleicht doch noch einen Lebensanhaltspunkt zu finden. Grausame Ironie des Schicksals: statt in der heilenden Gleichgültigkeit des Todes zu verschwinden, erden sie sich in einer Bande von verschrobenen Losern. Maureen ist mit 51 Jahren die Älteste. Die einzige sexuelle Begegnung in ihrem Leben hat zu einem entsetzlich behinderten Kind geführt, für dessen Pflege sie sich seit 20 Jahren aufopfert, ohne zu wissen, ob das Kind sie überhaupt wahrnimmt. Mittlerweile ist sie, milde gesagt, verwelkt, und ihre Wünsche ans Leben auch. Martin hingegen war einmal ein berühmter Frühstücksfernsehmoderator, bevor er mit einer 15 3/4-Jährigen ins Bett gegangen ist und so erst zu Fall und dann ins Gefängnis kam. Der Rest ist Scheiterroutine. JJ ist Amerikaner, und, als ob das nicht schon schlimm genug wäre, seine Rockband hat sich aufgelöst und in der Folge seine Freundin ihn verlassen. Seitdem fährt er Pizzas aus und hat Ödnis ihn befallen. Die 18-jährige Jess kann man kaum beschreiben, eine durchgeknallte Göre, die einen manchmal von der Wiedereinführung der Prügelstrafe träumen lässt, fügte sie sich mit ihrem Temperament – ein unentwirrbares Knäuel aus Größenwahn und Hilflosigkeit, aus Radau und Kummer – nicht selbst schon immer die Höchststrafe zu. Jeder dieser ausgezeichneten Repräsentanten einer Zivilisation am Rande des Nervenzusammenbruchs erzählt reihum von seinen Erfahrungen mit sich und den anderen Überlebenden.

Gruppentherapeutisch gesehen, ist einvernehmliche und planvolle Heilung selbstverständlich ausgeschlossen. Also bleibt nur ein aberwitziges Crossover durchs Inferno. Den Vieren bleibt wirklich nichts erspart. Dem Leser dafür metaphysische Erörterungen über den Sinn des Lebens. Hornby schafft es, seine Helden 350 Seiten lang ums Leben ringen zu lassen, ohne sich in einer einzigen Zeile bei seichtem Lebenskunstgeschwafel zu entspannen. Nichts als Tumult, und irgendwann sprühen die Funken wieder – auch wenn von einem Feuerwerk des Happy Ends nicht die Rede sein kann. Jeder für sich findet dank der anderen wieder Tritt in der ganz normalen Heillosigkeit seiner Existenz. Irgendwie hat man am Ende den Eindruck, auf dem Londoner Hochhaus habe der Zauberberg des 21. Jahrhunderts getagt. Und wir ahnen, wie ein neuer, zeitgemäßer, der einzig mögliche Humanismus noch aussehen könnte: der Humanismus der verkorksten Umstände.